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Bistum Dresden-Meißen

Armut gegen protzigen Reichtum

FSJ in Sibirien

Nowosibirsk/ Werda - Auch in der heutigen Zeit gibt es viele Länder, wo zur Einreise ein Visum beantragt werden muß: eines davon ist Rußland. Dabei kommen einem schon Gedanken an unsere deutsche Vergangenheit

Bei einer Flugdauer von sechs Stunden und der Zeitverschiebung von fünf Stunden ist jeder froh, am Flughafen Nowosibirsk eine frische Morgenbrise zu spüren. Vom Flugzeug geht es im "Bus" zu einem flachen barackenähnlichen Gebäude, wo die Paß- und Zollformalitäten zu erledigen sind. Das Gepäck wird über ein Förderband ins Gebäude transportiert. Nach der eigentlichen Paßkontrolle ist noch ein unauffälliger KGB-Beamter zur Stelle und befragt alle mit Deutschem Paß in Russischer Sprache; doch da unser Russisch einiger Gewöhnung bedarf, bleibt es bei der einen Frage

Am Ausgang warten neben Angehörigen auch viele Taxifahrer. Der Preis für eine Fahrt im Privattaxi vom Flughafen in die Stadt Nowosibirsk beträgt 50 000 Rubel - rund 15 Deutsche Mark. Der Bus benötigt zwar etwas länger, kostet aber auch nur einen Bruchteil dessen

Ines Krmasch, die an der Fachhochschule Würzburg Sozialwesen studiert, ist seit 23. September in Rußland. Während dieser Zeit hat sie schon viel von dem Land gesehen. Am meisten schwärmte sie der Fahrt mit der Transsibirischen Eisenbahn, mit der sie zu einem Seminar in Omsk gefahren ist. Die Eisenbahn ist für Russen so etwas wie die zweite Heimat; alle laufen mit Hausschuhen und Trainingsanzug durch die Gänge

Bis vor kurzem arbeitete Ines Krmasch am Bahnhof mit dem Projekt "Jesuit European Volonteers" (JEV), die unter anderem auch Obdachlose - sogenannte "bomjis" - betreut. Die JEV`s sind Jugendliche, welche ein Freiwilliges Soziales Jahr (FSJ) absolvieren. Unter ihnen ist mit Andrea Teichmann aus Falkenstein eine weitere Vogtländerin. Bei der Arbeit mit den Obdachlosen, ist es den jungen Leuten jedoch nicht erlaubt im Bahnhof zu arbeiten. Schuld daran sind die russischen Behörden. Aus diesem Grund sind sie gezwungen - selbst im Winter bei eisigen Temperaturen - außerhalb des Bahnhofs zu arbeiten, da es ihnen verboten wurde in die Bahnhofshalle zu gehen

Dennoch geben sie den Obdachlosen Mittags etwas zu essen und Tee zu trinken. Montags, mittwochs und feitags werden Wunden der Obdachlosen gereinigt und neu versorgt. Nach rund einer Stunde sind alle versorgt und die Obdachlosen suchen wieder nach Arbeit oder Pfandflaschen

Die letzten Monate bis September wird Ines Krmasch in einem Altersheim mithelfen. Dort arbeitet auch Sebastian, ein Zivildienstleistender aus Berlin. Er ist für ein paar Wochen in das 250 Kilometer entfernte Altersheim in Barnaul "abkommandiert" worden. Allgemein bemühen sich alle, Russisch zu sprechen. So ist es keine Seltenheit, daß den jungen Leuten auch schon einmal ein russisches Wort hineinrutscht, wenn sie seit langem wieder Deutsch sprechen

Sie sind aber nicht die einzigen Deutschen dort. Neben Franziskanern leben auch Helfer der Caritas und des Ordinariates in Nowosibirsk

Auch sie kennen die Situation in Nowosibirsk: auf der einen Seite herrscht Not, die oft mit einfachen Mitteln, wie Desinfektionsmitteln zu lindern ist; auf der anderen Seite präsentiert sich der Reichtum auf den Straßen gewaltig: Neben Ladas fahren teure europäische und asiatische Fabrikate durch die breiten Straßen

Überall in Nowosibirsk haben sich Märkte etabliert. Das Angebot reicht von Trockenobst über Fleisch, Obst, Gemüse und Blumen zu Käse und Brot. Aber auch Bekleidung oder einfachste Ersatzteile sind dort erhältlich, wobei sich die Preise an Deutschland orientieren

Auch zwei Metro-Linien findet man hier. Wer einmal 1500 Rubel gezahlt hat, kann die gesamte Linienführung auskosten. Tramwaj und Bus kosten ebenfalls pro Einstieg 1500 Rubel. Eine Monatskarte für alle öffentlichen Verkehrsmittel kostet zur Zeit 120 000 Rubel. In jedem Bus oder jeder Straßenbahn sitzt ein Schaffner, der Fahrkarten verkauft

Hier ist das Leben nicht so hektisch wie in Deutschland. Was in Deutschland zu einem "Staatsdrama" gemacht wird, ist in Sibirien uninteressant. Die Leute sind nicht an Gesetzen, sondern an ihrem täglichen Brot interessiert. Meist kommt auf Fragen in dieser Richtung die Antwort "Moskau ist weit" oder "was wissen Deutsche vom Leben hier"

Die zahlenmäßig meisten Kirchgänger hat die Russische Orthodoxe Kirche. Doch Sozialarbeit in dem Sinne wie wir sie aus Deutschland kennen, wird hier nicht betrieben. Jeder Besucher einer Orthodoxen Kirche besänftigt sein Gewissen beim Verlassen dieses sakralen Gebäudes, indem er einem der Bettler vor der Tür etwas Geld gibt

Schwierig stellt sich die wirtschaftliche Situation in Rußland dar. Ausländische Firmen sollen auf der einen Seite ins Land kommen. Andererseits soll jeder ausländische Arbeiter eine Jahresgebühr von 8000 US-Dollar zahlen. Das kann sich zwar eine große Firma leisten, doch für Hilfsorganisationen wie die Caritas ist das nicht zu verwirklichen

Praktikanten wie Ines Krmasch verdienen nur ein Taschengeld. Auch sind andere Organisationen wie die "Mutter Theresa Schwestern" oder "JEV`s" mit ihren FSJ-lern betroffen

Thomas Particke / tdh

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 33 des 47. Jahrgangs (im Jahr 1997).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Sonntag, 17.08.1997

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