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Aus der Region

Nicht wir tragen die Wurzeln ...

Ein Besuch in der Dresdner Wettiner-Gruft

Die Wettiner-Gruft in der Dresdner Hofkirche wird gerade in den Sommermonaten im Rahmen einer Kirchenführung von vielen Menschen besucht. Dresdner und ihre Gäste treffen so mit einer Tradition zusammen, die nicht nur geschichtliche sondern auch theologische Wurzeln hat. Der Kirchenhistoriker Dr. Siegfried Seifert lädt zu einem Besuch dieser Stätte ein

Bei der Beschäftigung mit der Wettiner-Gruft in einer Kirchenzeitung geht es weder um Darstellung von Fürsten als Akteure und Zeugen der Geschichte noch um eine künstlerische und kunstgeschichtliche Betrachtung. Es geht um die Darstellung dieser Grablege als Monument einer Theologie des Todes, wie sie vergangene Jahrhunderte aus der Offenbarung des Alten und Neuen Testamentes, aber auch aus der Gedankenwelt antiker Religionen entfaltet haben. Die Gruft mit ihren Sarkophagen, deren Inschriften und Symbolen, gibt wie ein alter Friedhof mit seinen Grabmälern Auskunft darüber, welche Rolle der Tod früher spielte, wie durch das Denken an ihn das Lebensgefühl gesteigert wurde, wie man ihn im barocken Welttheater annahm, mit ihm umging und über ihn hinausdachte. Das Denken vom Tod hat viel mit dem Denken vom Leben zu tun. Es geht um Tradition und Kontinuität. Eine Grablege - die 49 Sarkophage birgt - zeigt, daß der einzelne Mensch Glied einer langen Kette ist. Dabei wird deutlich: Nicht wir tragen die Wurzeln, sondern die Wurzeln tragen uns

Durch den Übertritt Friedrich Augusts des Starken zur katholischen Kirche 1697 wurden die sächsischen Kurfürsten und seit 1806 Könige von Sachsen eine katholische Dynastie. Ihre Grablege ist die Wettiner-Gruft in der Hofkirche, der heutigen Kathedrale des Bistums Dresden-Meißen. 1739, vor 250 Jahren, wurde der Grundstein zu dieser Kirche gelegt. Ihr Architekt Gaetano Chiaveri hatte den Auftrag, eine Kirche für mehrere Aufgaben zu schaffen: eine Hofkirche, ein Pfarrkirche für die in und um Dresden lebenden Katholiken und eine Begräbnisstätte für das Herrscherhaus Wettin

Die Stifterin, Königin Maria Josepha, hatte zusammen mit dem Jesuitenpater Ignatius Guarini und dem Architekten Chiaveri das theologische Programm für den Bau entwickelt. Die Wettiner-Gruft umfaßt vier Räume, in denen die Mitglieder des Hauses Wettin und mit ihnen durch Heirat verbundene Mitglieder europäischer Herrscherhäuser beigesetzt sind

Die älteste Gruft ist die Stiftergruft. Sie befindet sich unter der Sakramentskapelle. Hier ist auch das Herz Friedrich August des Starken (1673 bis 1733) beigesetzt, während er selbst als König von Polen in der Königsgruft auf dem Wawel in Krakau ruht. Das Stifterpaar, König August III. (1696 bis 1763) und Königin Maria Josepha liegt so, daß es zu dem darüberliegenden Tabernakel emporblickt. Sie liegen so gleichsam im Bannkreis des Sakramentes. Über der Sakramentskapelle stehen auf der ersten Dachbalustrade die Figuren von Heiligen, die den Häusern Wettin und Habsburg blutsverwandt sind. Darüber stehen auf der zweiten Balustrade Figuren von Heiligen, die sich diese beiden Familien als himmlische Schutzpatrone erwählten. Der Gedanke ist, daß über die sühnende Kraft des Sakramentes mit Hilfe der fürbittenden Heiligen von der Gruft gleichsam eine Jakobsleiter in den Himmel führt

In einem zweiten Gruftraum - der sogenannten "Antonsgruft" - stehen 25 Sarkophage. An ihrer Stirnwand ist ein schmuckloser Altar errichtet, darüber ein Kruzifix, zu den Füßen Christi die Weltkugel mit der Schlange und der Unterschrift: Consumatum est - Es ist vollbracht

In einem dritten, 1823 angelegten Gruftraum stehen vier Sarkophage. Aufmerksamkeit verdient der im neubarocken Stil gefertigte von König Johann von Sachsen. Sein Sarkophag ist geziert mit der Eule der Pallas Athene. König Johann (1801 bis 1873) war mehr Gelehrter und Musenfreund als Politiker. Unter dem Pseudonym Philalethes - Freund der Wahrheit - gab er eine Übersetzung der Göttlichen Komödie von Dante heraus, versehen mit einem umfangreichen Kommentar, der König Johann als einen profunden Kenner scholastischer Theologie zeigt

Um die Jahrhundertwende wurde der vierte Gruftraum angelegt. Seine Stirnwand ist mit einem Mosaik geschmückt, in einer Nische steht ein Altar aus weißem Marmor. Alles ist in einem Stil geschaffen, wie er damals im Kloster Maria Laach gepflegt wurde. An dem Altar wurden Messen anläßlich der Jahresgedächtnisse gefeiert. Pater Georg von Sachsen ist der letzte Wettiner, der hier beigesetzt wurde. 1893 geboren, war er der letzte Kronprinz von Sachsen. Nach dem Ende der Monarchie im Jahr 1918 entschloß er sich im Alter von 25 Jahren, Priester zu werden. 1924 wurde er im schlesischen Trebnitz durch den damaligen Bischof von Meißen, Christian Schreiber, geweiht. 1925 trat er in den Jesuitenorden ein. Pater Georg war als Priester und Exerzitienmeister tätig. In der Nazizeit half er vielen Bedrängten, Christen und Juden. So bemühte er sich um Hilfe für den evangelischen Dichter Jochen Klepper und Familie. Mehrfach hat die Gestapo sein Zimmer in der Jesuitenniederlassung in der Berliner Neuen Kantstraße durchsucht. Beim Baden im Groß-Glienicker See am 14. Mai 1943 traf ihn ein Herzschlag. Erst drei Wochen später wurde sein Leichnam im See geborgen. Ein angefangener Predigtentwurf schließt mit den Worten: "Vado ad Patrem" - ich gehe zum Vater

Von dem vierten Gruftraum aus führt ein Gang zur Bischofsgruft, in die Altbischof Gerhard Schaffran 1996 beigesetzt wurde. Diese Gruft enstand in den 80er Jahren

Ein Gang durch die Wettiner-Gruft ist ein gewaltiges Memento mori - Gedenke des Todes! Und manchem Besucher der Grufträume geht etwas davon auf, wie sich das Leben vom Tod her deutet; ohne ihn ist es undenkbar

Die Gruft ist nur im Rahmen der Kirchenführungen zugänglich. Informationen dazu am Kircheneingang zum Schloßplatz oder über das Dompfarramt, Schweriner Str. 27 in 01067 Dresden, Tel. 0351 / 4 99 21 12

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 33 des 47. Jahrgangs (im Jahr 1997).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Sonntag, 17.08.1997

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