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Abgelegener Ort mit großer Vergangenheit

Kloster Memleben

Das Kirchenschiff Wer das einstige Kloster Memleben aufsucht, erlebt eine kleine Überraschung: Er gelangt durch eine Pforte hindurch in einen wunderschönen Garten mit blühenden Blumen, Sträuchern, alten Bäumen und romanischen Mauern. Und wenn es das Wetter gut meint, wie es an diesem Samstagnachmittag der Fall ist, lädt die Atmosphäre des Gartens zunächst einmal dazu ein, auch innerlich anzukommen und sich der einstigen Bedeutung dieses heute etwas abseits großer Straßen gelegenen Ortes bewußt zu werden

Vor 1000 Jahren gingen hier Könige und Kaiser ein und aus. Denn Memleben an der Unstrut war Kaiserpfalz, also ein Ort, der den Herrschern auf ihren Reisen durch ihr Reich als zeitweilige Residenz diente. In ihren Pfalzen hielten die Könige und Kaiser Gericht und Reichstage ab, stellten Urkunden aus und feierten kirchliche Feste

"Memleben ist die Lieblingspfalz des ersten deutschen Königs Heinrichs I. gewesen", sagt Gerlinde Dietrich, die die Besucher nicht nur freundlich an der Kasse empfängt, sondern auch durch das Gelände führt. Heinrich I. ließ das bereits zur Zeit Karls des Großen (um 800) als Gut des Klosters Hersfeld erwähnte Memleben ausbauen und weilte des öfteren hier an der Unstrut. Von der Pfalz, in der Heinrich I. 936 auch starb, sei allerdings trotz Grabungen in den 30er und 60er Jahren unseres Jahrhunderts bisher nichts gefunden worden, sagt Frau Dietrich. Zu sehen sind jedoch noch einige Mauerreste der einstigen Marienkirche aus dem 10. Jahrhundert. König Otto I., der Sohn Heinrichs I. und spätere erste deutsche Kaiser, für den Memleben als Sterbeort seines Vaters eine besondere Bedeutung bekommen hatte, ließ sie um 942 neben der Pfalz errichten. Die der Mutter Gottes geweihte Kirche hatte für damalige Verhältnisse geradezu riesige Ausmaße. Wer nach Memleben kommt, parkt sein Auto neben dem sogannten Kaisertor vor einer langen Mauer. Beide Gebäudereste gehörten zur einstigen Marienkirche

Wesentlich mehr zu sehen ist hingegen von der einstigen Kirche des Benediktinerklosters. Der Sohn Kaiser Ottos I. bestieg als Otto II. den Thron. Auch er weilte des öfteren in der Lieblingspfalz seines Großvaters. Um das Jahr 979 stiftete er in Memleben ein Benediktinerkloster und stattete es mit großem Besitz aus. Auf seinen Wunsch hin stellte der Papst das neue Kloster den beiden mächtigsten reichsunmittelbaren Klöstern Fulda und Reichenau am Bodensee gleich

Doch bereits 1015 war die ganz große Zeit des Klosters vorbei. Kaiser Heinrich II. ließ sich 1015 auf ein Tauschgeschäft ein: Er übergab Memleben an das Kloster Hersfeld und erhielt dafür entsprechende Ländereien und Besitztümer für das von ihm gegründete Bistum Bamberg. Über das weitere Schicksal von Memleben gibt es nur spärliche Nachrichten. Anfang des 13. Jahrhunderts muß es zu einem gewissen Wohlstand gelangt sein, denn zu dieser Zeit wurden Klosterkirche und Klostergebäude neu erbaut. In der Reformationszeit wurde das Kloster 1551 aufgehoben. Seinen Landbesitz zog der sächsische Kurfürst ein und überwies ihn der damals gegründeten Fürstenschule in Schulpforta bei Naumburg zu ihrer Versorgung. Das Schulgut bestand bis 1945, so daß Schulpforta heute Ansprüche erhebt, die bisher nicht geklärt sind, wie Frau Dietrich sagt

Die Krypta Inzwischen in der Kirche angelangt, die seit einem Brand von 1722 ohne Dach ist, macht Frau Dietrich die Besucher auf die auf den ersten Blick kaum erkennbaren Bildnisse an den Sandsteinsäulen aufmerksam. Bei regnerischem Wetter seien sie etwas besser zu erkennen, sagt die engagierte Frau. Die mit Erdfarben gestalteten Freskenmalereien stammten vermutlich aus dem 14. Jahrhundert und stellten so etwas wie eine Ahnengalerie dar: Abgebildet sind die Ottonen, also die ersten deutschen Könige und Kaiser, mit ihren Frauen

Eine Besucherin, die schlecht zu Fuß ist, läßt Fau Dietrich sich bei ihr einhaken und führt sie die wenigen Stufen hinab in das Kleinod der Kirchenruine, die Krypta. Der Besucher betritt einen nur von Kerzen erhellten Säulenraum, der sich vollkommen im Originalzustand befindet, wie die engagierte Führerin erklärt. Um ihn auch künftig zu erhalten, sei die Krypta 1993/94 mit großem finanziellen Aufwand von oben her abgedichtet worden, da zuvor regelmäßig Regenwasser durch das Gewölbe einfloß. Acht Säulen, Bögen und Gewölbe, die kleinen romanischen Fenster, die Apsis, das Kerzenlicht, all dies gibt dem Raum ein besonderes Gepräge. Im Sommer finden hier fast jeden Sonntag Benefizkonzerte statt, erzählt Frau Dietrich: das bekannte Ensemble Musica antiqua aus Köln, eine Gruppe ehemaliger Thomaner, aber auch verschiedene Chöre sind in diesem Jahr schon in Memleben gewesen

Der Rundgang setzt sich im ehemaligen Klausurhof fort, in dessen Mitte eine mächtige, 130 Jahre alte Kastanie steht. Die Gebäude hier sind bis in die Wendezeit vom Volkseigenen Gut genutzt worden und zu einem kleinen Teil noch bewohnt, sagt Frau Dietrich. Einst war darin zum Beispiel der Speisesaal der Mönche, das Refektorium, untergebracht. Frau Dietrich schließt zum Abschluß des Rundganges einem interessierten Ehepaar das Dormitorium, den Schlafsaal der Mönche auf, das sich im Obergeschoß des Mönchshauses befand und in den letzten Jahren restauriert wurde

Sie würde sich sehr freuen, wenn Archäologen doch noch die Kaiserpfalz finden würden, sagt Gerlinde Dietrich. Ob entsprechende Grabungsarbeiten in nächster Zeit allerdings wieder aufgenommen werden, ist derzeit offen

Eckhard Poh

Geöffnet: Dienstag bis Sonntag 10 bis 12 und 13 bis 18 Uhr, Tel. 03 46 72 / 8 48 34. Zu erreichen ist Memleben, das an der Südroute der "Straße der Romanik" und 30 Kilometer nordwestlich von Naumburg liegt, über die Bundesstraße 250 von Querfurt oder Bad Bibra aus über Nebra

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 32 des 47. Jahrgangs (im Jahr 1997).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Sonntag, 10.08.1997

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