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Aus der Region

Herausforderungen im Dreiländereck

37. Deutsch-Französisches Journalistentreffen in Görlitz

Görlitz (wi / kna) - Weit nach Osten und doch in die eigentliche Mitte Europas war diese traditionsreiche Journalistenbegegnung am Himmelfahrtswochenende gegangen. Die eigentliche Absicht, grenzübergreifend auch polnische Kollegen einzubeziehen, wurde zwar nicht erreicht: Es waren außer dem Referenten Jan Truszzynski, dem polnischen Botschafter in der EU, kaum Polen der Einladung gefolgt. Auch die Zahl der französischen Kollegen war geringer als üblich

José de Broucker, Co-Präsident des 37. deutsch-französischen Publizistentreffens, erklärte das mit dem Zeitpunkt des Kongresses: "So mitten im Wahlkampf können es sich viele Kollegen einfach nicht leisten, 1 500 Kilometer von Paris entfernt, an der Neiße Himmelfahrt zu feiern.

Aber die Probleme und Chancen dieser Euroregion im Dreiländereck konnten den 50 zumeist weit aus dem Westen Deutschlands und den 30 französischen Gästen sehr augenfällig nahegebracht werden

Oberbürgermeister Matthias Lechner (CDU) zeigte sich erfreut über die sichtbaren Fortschritte bei der Sanierung der alten schönen Stadt, wies aber zugleich auf die hohe Arbeitslosenquote von 20 Prozent hin, die nicht nur den am eigenen Leib Betroffenen Zuversicht nehme. Mit der bevorstehenden Schließung einer Braunkohlegrube und eines daranhängenden Kraftwerks im Süden der Stadt werden Ende des Jahres weitere 2000 Görlitzer arbeitslos

Mit dem zwar langsam, aber erfreulich anlaufenden Tourismus und ein paar 100 zukunftsträchtigen Arbeitsplätzen im High-tech-Bereich allein ist der Verlust der Stellen in den vergangenen Jahren nicht zu kompensieren. Sorgen bereitet dem auf vielfältige Kooperation mit seinen polnischen Pendants orientierten Stadtoberhaupt zusätzlich die Grenzkriminalität, die über die unmittelbaren Folgen hinaus auch längerfristig höchst unerwünschte Resultate zeigt: Ressentiments und Desinteresse der Deutschen gegenüber den ponischen Nachbarn unmittelbar vor der Haustür nehmen eher zu als ab

Bischof Rudolf Müller, der anschaulich über die besondere Diaspora-Situation der etwa 50 000 Katholiken informierte, bereitet der Weggang vor allem junger Leute Sorgen. Der Bischof scheint einer der wenigen zu sein, die sich mit den polnischen Nachbarn sprachlich gut verständigen können, denn, wie Oberbürgermeister Lechner sagte, ist die Nachfrage nach polnischen Sprachkursen seitens der Görlitzer ziemlich gering. Auf dem Ostufer der Neiße in Zgorzelec wächst dagegen die Zahl der deutschsprechenden Polen. Erhebliche Teile der 37 000 polnischen Görlitzer nehmen am Kulturleben der 66 000 deutschen Görlitzer teil

"Das andere Europa jenseits von Maastricht" - so das Thema - live zu erleben, diente auch das Vortreffen am 7. Mai, das vor allem jungen Journalisten Recherchemöglichkeiten bieten sollte. Das 763 Jahre alte Zisterzienserinnenkloster St. Marienthal und sein Engagement auf ökologischem Gebiet interessierte ebenso wie die sorbische Minderheit in der Lausitz, der Rundgang mit einem Verantwortlichen für die Altstadtsanierung und die Überlebensstrategie des Görlitzer Waggonbaus

Das zeitliche Zusammentreffen erlaubte es den Journalisten außerdem, den Abschluß der diesjährigen Renovabisaktion in Görlitz mitzuerleben, das zündende Musical "Jonas" der Theater- und Musikgruppe am Jugendzentrum Kana in Gliwice / Gleiwitz und am letzten Tag die feierliche Messe in der St.-Jakobus-Kathedrale mit Bischöfen aus den drei Ländern der Grenzregion.

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 21 des 47. Jahrgangs (im Jahr 1997).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Sonntag, 25.05.1997

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