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Aus der Region

In den Fußstapfen des andern

79. Bundesverbandstag des KKV

Leipzig (jak) - Als sich die Delegierten des 79. Bundesverbandstages des KKV - Katholiken in Wirtschaft und Verwaltung - in der Leipziger Nikolaikirche zum Friedensgebet trafen, ging es um mehr, als nur um das Schnuppern von Wendeluft. Stand doch das Treffen unter dem Motto "...die Einheit gestalten, den Glauben stärken". Gastgeber der Tagung war die Leipziger Ortsgemeinschaft des KKV. Deren Vorsitzender, Karlheinz Schulz verwies schon zu Beginn auf die vielfältigen Möglichkeiten des Treffens, das zum ersten Mal in den neuen Bundesländern stattfand. Ging es doch um das gegenseitige Kennenlernen, das Abbauen von Vorurteilen und um Überlegungen zum Lösen heutiger Probleme

In diesem Sinne ist auch die sogenannte "Leipziger Erklärung" zu verstehen, die am 9. Mai verabschiedet wurde. Darin rief der KKV seine Mitglieder in Zusammenarbeit mit anderen Sozialverbänden - wie etwa Kolping oder BKU - zu einer Initiative auf, die die Unterstützung kleiner und mittelständiger Betriebe zum Ziel hat. So bietet der KKV ab sofort kostenlose Beratung für diese Betriebe an. Interessenten können sich beim KKV-Bundesvorstand in Essen, Bismarckstraße 61, melden. Nach Absprache über die Situation, in der sich der Betrieb befindet, sucht der Verband dann in den eigenen Reihen nach den entsprechenden Fachleuten. Angesprochen wurde in der Leipziger Erklärung unter anderem auch der bevorzugte Kauf ostdeutscher Produkte und die notwendige verstärkte Investition in den neuen Ländern

Eine zweite Erklärung verabschiedete die Versammlung zum Thema Familienpolitik. Darin heißt es: "Die Familie hat nur Zukunft, wenn ihre Bedeutung von der Gesellschaft anerkannt und ihre Leistungen angemessen honoriert werden." Es reiche nicht aus, gelegentlich das Kindergeld zu erhöhen sowie Kindergartenplätze, Ganztagsbetreuung und Jugendtreffs zu schaffen. Nach Meinung der KKV-Delegierten sei vielmehr ein Familienlastenausgleich nötig, der "verhindert, daß Familien nur deshalb zu Sozialhilfeempfängern werden, weil sie Kinder haben und der die Erziehungszeiten rentenwirksam einbezieht"

Die Familie war auch einer der drei Punkte bei einer Podiumsdiskussion im Hotel Intercontinental. Drei Vertreter der Leipziger Ortsgemeinschaft sprachen über ihre Lebensbedingungen und Erfahrungen in der DDR, zur Wende und danach. Konkret hieß das: "Wirtschafts- und Arbeitswelt"; "Familie und Erziehung" sowie "Kirche in der DDR und heute". Zum Thema Familie ergriff Gertrud Dietl, Leiterin des katholischen Kindergartens "St. Theresia", das Wort. Anhand eigener Erfahrungen im Kindergarten, schilderte sie die Veränderungen der vergangenen Jahre. Gertrud Dietl: "Beteten unsere Kinder noch vor Jahren um ein schönes neues Auto für die Familie, so haben sich ihre Inhalte heute gewandelt. Es geht darum, daß Menschen eine Wohnung, Arbeit und ausreichend zu essen haben." Das soziale Gefälle zwischen den Familien werde heute immer weiter sichtbar, betonte die Kindergartenleiterin. Dies zeige sich beispielsweise an den von Kindern und Jugendlichen bevorzugten Markenprodukten, die von vielen Familien nicht zu finanzieren sind. Bei aller Kritik sah sie in ihren Ausführungen jedoch auch Chancen, so beispielsweise die freie Wahl von Kindergarten und Schule. Abschließend wandte sich Gertrud Dietl an die Delegierten und warb für mehr Akzeptanz von West nach Ost: "Sie sind in die soziale Marktwirtschaft hineingewachsen, doch die Menschen hier mußten diesen Übergang mit allen Konsequenzen von heute auf morgen bewältigen.

Auf das nötige Engagement der Kirchen und Verbände in diesem Prozeß, wies KKV-Mitglied Alois Hahn hin. Er betonte, daß die Kirchen langsam Wege finden müssen, um sich mehr und mehr in die Gesellschaft einzubringen. Ein Beispiel dafür sei die Unterstützung des KKV am Montessori-Schulprojekt in Leipzig. Das Fazit des Gesprächs faßte Pater Klaus Gräve, Geistlicher Beirat der Leipziger Ortsgemeinschaft, zusammen: "Was mich besonders berührt ist der Umstand, daß wir untereinander sprechen und nicht übereinander. Einfach mal in die Fußstapfen des anderen treten." Pater Gräve erinnerte daran, daß bei allen Diskussionen das Ziel nicht vergessen werden dürfe. Er formulierte es im Bild der Freiheit des Herzens. Klaus Gräve: "Wir müssen die Entdeckung machen, daß wir auch dann noch geborgen sind, wenn wir mit leeren Händen dastehen." Die Faszination der gewonnenen oder verwalteten Mittel in der Wirtschaft dürfe diese Erfahrung nicht kaputt machen

Eine weitere wichtige Ost-West-Begegnung fand in der Leipziger Nikolaikirche statt. An diesem für die Wende in der DDR so bedeutsamen Ort versammelten sich die Delegierten zum Friedensgebet. Gestaltet wurde es vom Jung-KKV. Gemeindepfarrer Christian Führer erklärte das Anliegen des Projektes Offene Nikolaikirche: "Die Leute sollen hereinkommen können. Wenn sie Christen sind, dann können sie beten, sind sie es nicht, so dürfen sie hier ganz einfach ihre Seele baumeln lassen." Die offene Nikolaikirche und die dort stattfindenden Friedensgebete seien, so der evangelische Seelsorger, eine Chance für den Menschen, seine Mitte wiederzufinden. Für die Leipziger sei es auch sieben Jahre nach der Wende immer noch wichtig, in ihrer Not in die Kirche kommen zu können. Das habe sich erst kürzlich gezeigt, als die Arbeitsplätze der Reudnitzer Brauerei in Gefahr waren. Die Brauer scheuten sich nicht, den Schritt über die Kirchenschwelle zu wagen und dort auf ihr Anliegen aufmerksam zu machen. Christian Führer: "So etwas passiert mit einer Kirche, man muß sie nur aufmachen... Eine Kirche ist für die Menschen da. Jeder soll ein Stück vom Segen Christi mit hinein nehmen können in sein Leben." Pfarrer Führer gab den Friedensgebetsbesuchern noch eine Frage mit auf den Weg, die sich jeder Christ immer wieder an den verschiedensten Lebensstationen und beruflichen Entscheidungen stellen solle: "Was würde Jesus dazu sagen". Das, so Christian Führer, sei die erste Frage

Der 79. KKV-Bundesverbandstag ging am vergangenen Sonntag mit einem Bischofs-Gottesdienst in der Propstei und einer Feierstunde im Leipziger Schauspielhaus zu Ende. Auf die Frage, was der Verbandstag für die ungefähr 30 Leipziger KKV-Mitglieder bedeutete, sagt deren Vorsitzender Karlheinz Schulz: "Er war für alle Seiten erfolgreich, beispielsweise kamen mehr Leute nach Leipzig, als zu irgend einem anderen KKV-Bundesverbandstag." Damit verbunden war für die Leipziger die Möglichkeit, mit Leuten ins Gespräch zu kommen, die sie ohne den Verbandstag nicht kennengelernt hätten. Und bei zahlreichen Gesprächen zeigte sich immer wieder, daß für viele KKVer der Besuch in Leipzig eine völlig neue Erfahrung war, berichtet Karlheinz Schulz und fügt hinzu: "Ich möchte sagen, daß die Tage dem gegenseitigen Verstehen sehr geholfen haben.

www.kkv-leipzig.de

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 20 des 47. Jahrgangs (im Jahr 1997).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Sonntag, 18.05.1997

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