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Kirche - wohin gehst du?

Siegfried Hübner zur Zukunft der Kirche

Wir dokumentieren Auszüge aus einem Vortrag von Dr. Siegfried Hübner:

Kirche - wohin gehst du? ... Schauen wir nicht zuerst auf die Kirche und den Weg, den sie in der Welt von heute zu gehen versucht. Sondern beginnen wir mit einem Blick auf diese Welt und den Weg, auf dem diese sich befindet. Fragen wir: Welche Zukunft hat die Kirche in dieser Welt von heute vor sich? ..

Zeichen der Zeit - Zeichen der Absicht Gottes: Wir folgen damit einer wichtigen Weisung des letzten Konzils: Der Kirche obliegt "allzeit die Pflicht, nach den Zeichen der Zeit zu forschen und sie im Licht des Evangeliums zu deuten" ... (Pastoralkonstitution 4). Für unsere Frage heißt das: Was sich heute im Blick auf die Welt zeigt, enthält Zeichen einer Gegenwart und Absicht Gottes, wie sie in früheren Zeiten noch nicht zu erkennen waren. Das gebietet uns danach zu fragen, was Gott heute als seinen Willen kundtut, und daran in unserem Verstehen seiner Absichten und in unserem Glauben zu wachsen. Welches sind solche Zeichen der Zeit...

Die Menschheit - unterwegs zu ihrer Einheit: Die Menschheit ist auf dem Weg, zu einer Einheit zusammenzuwachsen. Das ist schon so weit geschehen, daß kein Volk, keine Menschengruppe, kein Kontinent mehr ein Eigenleben führen kann, isoliert von anderen, ja von allen anderen... Was ein Physiker bereits vor Jahrzehnten über die Beziehungen und Verhältnisse zwischen aller materiellen Wirklichkeit im gesamten Weltraum feststellte, zeigt sich heute auch als ein Gesetz für die Welt-Bevölkerung: Wenn ein Kind seine Puppe aus der Wiege wirft, wackelt der Sirius! ..

Das ist ein ungeheuerlicher, ja "unheimlicher" Vorgang, gemessen an jenem Zustand der Welt und Menschheit, aus dem wir alle kommen und herauswachsen. Als Jesus von Nazaret lebte und am Kreuz starb, als in ihm das Wort Gottes Fleisch wurde und in die Geschichte der Menschheit eintrat und seine Jünger als Zeugen seiner Auferstehung ihren Weg "bis an die Grenzen der Erde" antreten sollten (Apg 1,8), da geschah das in einem Winkel der Welt... Heute aber... haben wir schon "Weltkriege" erlebt, ist eine Konzeption zusammengebrochen, die erzwingen wollte, die Menschheit wenigstens noch in zwei voneinander abgeschirmten "Lagern" getrennt zu organisieren. Heute wacht die eine Menschheit schon so über die "Menschenrechte", daß kein Staat und kein Volk sich bei ihrer Verletzung noch auf eine "innere Angelegenheit" berufen kann..

Dieses Zeichen der Zeit ist aber noch etwas deutlicher in den Blick zu nehmen. Da fällt zunächst das rasante Wachstum dieser Menschheit auf. In zwei Jahrzehnten hat sie sich mehr als verdoppelt... Eine Vision... zeichnet sich immer dramatischer ab: Der ganze Globus wird bald "zu-gewachsen" sein von Menschen, die alle miteinander in Tuchfühlung leben..

Gesellschaft "mündiger" Menschen: Mit dem Wachstum der Welt-Bevölke-rung ist gleichzeitig ein Prozeß im Gang, den wir in gewisser Hinsicht als das "Erwachsen-Werden" der Menschheit verstehen können. Denn die Menschen der heutigen eins werdenden Menschheit sind dabei, "mündig" zu werden. Damit ist gemeint: Sie lassen sich nicht mehr "wie Kinder" von fraglos anerkannten Autoritäten regieren..

Für die künftige Menschheit ist deshalb vorauszusehen: Sie wird, was das Verständnis der Welt und des Menschen, seines Lebens und seiner Lebensführung angeht, nie mehr so zu einer Einheit... gebracht werden können, wie wir das aus früheren Zeiten kennen... Da waren alle Menschen eines bestimmten kulturellen Raumes von einem gemeinsamen "Geist" beseelt, stimmten in ihren Grund- und Glaubensüberzeugungen überein... Die Einheit, zu der die Menschheit heute zusammenwächst, wird in dieser Hinsicht eine... "Einheit in Vielfalt" sein... Keiner wird mehr den Anspruch erheben können, andere müßten genauso denken und leben wie er... Die Menschheit ist nicht auf dem Weg zu einer einheitlich-christlichen oder gar einheitlich-katholischen Welt... Sollte sich das Programm einer "Neu-Evangelisierung" Europas oder der Welt, von der heute in der Kirche oft die Rede ist, von einem solchen Traum leiten lassen, wäre damit zugleich auch schon sein Scheitern vorprogrammiert... Aber die Zeichen der Zeit kündigen zugleich auch an, wie die künftige Menschheit auf andere Weise gezwungen sein wird, sich zu einer Einheit zusammenzufinden..

Selbst verantwortlich für Leben oder Tod: ... Zum ersten Male in ihrer Geschichte verfügen Menschen über die Möglichkeit, kollektiven Selbstmord der gesamten Menschheit zu begehen, stehen sie auf der Erde vor den "Grenzen des Wachstums" und sehen voraus, wie ihr bisheriger Umgang mit ihrem Lebensraum diesen zerstören wird, vertieft sich ein Riß in der Menschheit - zwischen Reich und Arm, Nord und Süd - so dramatisch, daß mit dem weiteren Wachstum der Welt-Bevölkerung eine Katastrophe von bisher nie gekanntem Ausmaß vorauszusehen ist. Diese Weltprobleme sind heute der Menschheit als ganzer aufgegeben und können nur im Zusammenwirken aller "Menschen guten Willens" angegangen und ... gelöst werden... In den christlichen Kirchen haben sie schon einen "konziliaren Prozeß" ausgelöst... Aufs Ganze gesehen aber gleicht die Menschheit immer noch - wie es Karl Rahner 1984 zu bedenken gab - einem Menschen, der erst langsam aus dem Schlaf zu sich selber kommt und sich noch schlaftrunken fragt, wo er sich befindet und was er jetzt tun muß. Wir alle geben uns noch so lange wie möglich der Täuschung hin, wir könnten so weiterleben..

Die Menschheit wird auf allen Gebieten höhere Formen der "Sozialisierung" finden müssen, als sie sie bisher kannte, wenn sie überleben will. Das Konzil hat dieses Zeichen der Zeit als Zeichen der Absicht Gottes für die weitere Geschichte der Menschheit erkannt. Es hat sich "aufrichtig" dazu bekannt, "daß alle Menschen, Glaubende und Nichtglaubende, zum richtigen Aufbau dieser Welt, in der sie gemeinsam leben, zusammenarbeiten müssen" (Pastoralkonstitution 21)

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 18 des 47. Jahrgangs (im Jahr 1997).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Sonntag, 04.05.1997

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