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Aus der Region

Politisch, sozial und menschlich nicht vertretbar

Stimmen zur Rückführung der bosnischen Kriegsflüchtlinge

Dresden / Erfurt / Magdeburg (fun) - "In Bosnien herrscht kein Frieden - allenfalls ein mit Waffen erkämpfter Waffenstillstand", so die Abteilungsleiterin für Migrationsdienste der Magdeburger Caritas, Gabriele Mertens. Sie hält die zwangsweise Rückführung bosnischer Kriegsflüchtlinge für "politisch, sozial und menschlich nicht vertretbar"

Im Winter war sie in Sarajevo: "80 Prozent der Menschen sind arbeitslos und aller verfügbarer Wohnraum ist von den inländischen Flüchtlingen besetzt." Außerdem gebe es keine Bereitschaft der verschiedenen ethnischen Gruppen - Kroaten, Serben und bosnischen Muslime - miteinander zu leben und etwas aufzubauen

Auch Ursula Mai, Pax-Christi Dresden, vertritt diese Ansicht. Für die Flüchtlinge - vor allem die aus Skrpska - sei es zum jetzigen Zeitpunkt nicht nur unrealistisch, sondern unmöglich zurückzukehren. Das Gebiet sei von bosnischen Serben besetzt. Muslimische Flüchtlinge müßten deshalb bei Rückkehr um ihr Leben fürchten

Bei der gängigen Abschiebepraxis stützen sich die Bundesländer auf den Daytoner-Vertrag, nach dem alle Kriegsflüchtlinge zurückkehren können. So sollen erst Alleinstehende und dann ganze Familien zurückkehren. Doch kommt der Alleinstehende aus Srkpska, ist es für ihn genau so unmöglich zurückzukehren, wie für eine ganze Familie. Deshalb ist Gabriele Mertens gegen eine pauschale Abschiebung: "Jeder Einzelfall muß sorgfältig geprüft werden. Rückkehr halte ich generell für richtig, wenn sie verantwortbar und möglich ist.

Ansbert Maciejewski war über Ostern in Bihac. "Wenn die Flüchtlinge, die zurückkehren, keine Verwandten haben, stehen sie auf der Straße. Das kann man ändern, indem übergangsweise Wohncontainer aus Deutschland zur Verfügung gestellt werden.

Für den Erfurter Caritas-Referenten Andreas Büschleb soll die Rückkehrförderung den Bosniern eine Wiedereingliederung erleichtern. Natürlich nur für diejenigen, die zurückkehren können. "Es muß ihnen wirtschaftlich unter die Arme gegriffen werden: Wohlfahrtsverbände könnten Firmen vermitteln, die dann aus Restbeständen LKW oder Baumaterial zum Wiederaufbau zur Verfügung stellen.

Gabriele Mertens zählt nicht nur darauf: "Einige, vor allem die, die in einer gemischten Ehe leben - Muslim und Serbe - wollen in die USA oder nach Kanada weiter. Deshalb haben wir eine Weiterwanderungsberatungsstelle eingerichtet."

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 16 des 47. Jahrgangs (im Jahr 1997).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Sonntag, 20.04.1997

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