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Bistum Magdeburg

Am Anfang standen Paketberge

Halle (dw) - Wie lange es in Halle schon Caritasarbeit gibt, kann niemand ganz genau sagen. Sicher ist, daß dort im Herbst 1946 der Caritasverband für die Stadt und den gesamten Südteil des Erzbischöflichen Kommissariats Magdeburg gegründet wurde. Am 28. September lud der Caritasverband für die Stadt und das Dekanat Halle deshalb zur Feier seines fünfzigjährigen Bestehens ein.

Die allerersten Jahre kennt Ursula Winkler, die jahrelang die Caritas in Halle leitete und dort heute in der Schwangerschaftskonfliktberatung arbeitet, hauptsächlich vom Hörensagen: Mit einigen Katholiken, die Lebensmittelpakete aus dem Vatikan, aus Irland, Schweden, Dänemark und den USA entgegennahmen und verteilten, hat die Caritasarbeit nach dem Krieg begonnen. Hertha Paul und Lore Göbel begannen als erste hauptamtliche Mitarbeiterinnen mit der Arbeit. Zum Caritasdirektor wurde 1947 Franz Wüstefeld ernannt, der sich schon als Pfarrer von Ammendorf für die Caritas eingesetzt hatte und der als einziger Priester in Halle ein Auto besaß.

Zunächst diente ein kleiner Raum in der Franziskanergemeinde zur Heiligsten Dreieinigkeit als "Umschlagplatz" für Pakete, die nicht nur an katholische Familien, sondern an alle Bedürftigen weitergegeben wurden. Als das Kloster angesichts hunderter Hilfspakete und großer Medikamentensendungen überquoll, nahm die Caritas das Angebot an, ein ehemaliges Studentenhaus in der August-Bebel-Straße zu nutzen. Aus dem geräumigen Festsaal wurde ein Lagerraum, im Kommerzzimmer entstand eine Kapelle.

Nachdem Franz Wüstefeld 1950 Halle verließ, wurde die hallesche Caritas wieder von Magdeburg aus geleitet. In den folgenden Jahren war der Verband bemüht, in allen Dekanaten Caritas-Mitarbeitern einzustellen. Die Aufgaben für die Caritas in Halle wurden immer vielfältiger: Sie organisierten Erholungen für Mütter und Kinder, vermittelten Ausbildungsstellen für kirchliche Berufe, luden alleinstehende Frauen zu einem Abendbrottisch ein, begannen mit der Arbeit für Blinde und Gehörlose ...

Zur Zeit des Mauerbaus war längst nicht mehr die materielle Not der Menschen vorrangigste Aufgabe der Caritas. Die Sorgen Alleinerziehender, Behinderter und andere Nöte drangen in den Vordergrund. Schon damals pflegte die Caritas ökumenische Zusammenarbeit. So gab es einen ökumenischen Arbeitskreis Altenhilfe, der Gemeindemitgliedern für die Altenarbeit fortbildete.

Anfang der sechziger Jahre zog die Caritas in das Souterrain der neuentstandenen Heilig Kreuz-Kirche um, weitere Umzüge verlegten den Caritas-Sitz in ein Gartenhäuschen und schließlich in das heutige Domizil im alten Pfarrhaus der Propstei. Seit 1974 leitete Ursula Winkler die Stadtcaritas in Halle. Damals entstand unter anderem ein "ökumenischer Dekanatskreis brüderliche Dienste", der die ehrenamtliche soziale Arbeit in den Gemeinden begleitet, und das Altenpflegerinnenkonvent. Fast jede Pfarrgemeinde in Halle hatte eine Altenpflegerin angestellt.

Nach der Wende stand die Caritas vor der Herausforderung, sich von einem "Eine-Frau-Betrieb" in einen modernen Wohlfahrtsverband zu wandeln. Zum 1992 gegründeten Caritasverband für die Stadt und das Dekanat Halle gehört heute ein breitgefächertes Beratungsangebot in Halle, Merseburg und Bad Lauchstädt, Sozialstationen, eine Begegnungstätte und die ökumenische Bahnhofsmission. Trotz struktureller Wandlungen habe die Caritas in fünfzig Jahren Kontinuität gezeigt, sagte Geschäftsführer Winfried Weber während der Feierstunde. Auch künftig sollte beim Caritasverband der Dienst am Nächsten an erster Stelle stehen.

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 41 des 46. Jahrgangs (im Jahr 1996).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Sonntag, 13.10.1996

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