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Bistum Görlitz

Bauen lernt man nicht im Priesterseminar

Görlitz (dw) - Bau-Organisation gehört nicht zur Priesterausbildung und ist auch keineswegs das persönliche Hobby von Pfarrer Wolfgang Kresak. Dennoch nehmen Bau- und Sanierungsarbeiten im Arbeitsalltag des katholischen Dompfarrers von Görlitz eine Menge Zeit ein.

Seit dem 17. September wird eines der beiden Eingangstore zum Kirchengrundstück der St.-Jakobus-Gemeinde saniert, das Jakobustor. Das denkmalgeschützte Tor aus der Zeit um 1900 war im Zweiten Weltkrieg beschädigt worden und wurde danach nur notdürftig repariert.

Jetzt läßt sich eine Sanierung kaum noch länger verschieben, denn das bröckelnde Gestein könnte Passanten auf den Kopf fallen. Das zweite Eingangstor, nach der Gottesmutter Maria benannt, ist in genauso schlechtem Zustand, aber bisher fehlt für die gründliche Reparatur des Marientors das Geld.

Während des nächsten Pastoraltags für das Bistum Görlitz, der vom 14. bis 16. September stattfindet, soll eine Figur der Bistumspatronin Hedwig in einer Seitenkapelle der Kathedrale aufgestellt werden. Ein polnischer Schnitzer hat die Kopie der Hedwigsfigur aus Glogau angefertigt. Katholiken aus dem ganzen Bistum hatten zuvor dafür gespendet.

Lange hatte Pfarrer Kresak mit den Gemeindemitgliedern von St. Jakobus überlegt, welchen Platz in der Kathedrale die Bistumspatronin bekommen soll. Schließlich fiel die Entscheidung, eine bereits vorhandene Kapelle umzuwidmen und auszubauen.

Ein Neubau wäre eigentlich auch für das Gemeindehaus "Clemens-Neumann-Heim" fällig, das mit Hilfe der Diözesan-Jugend in den fünfziger Jahren errichtet worden ist. Die Feuchtigkeit durchzieht die Wände der Religionsunterrichtsräume. Küche und Sanitärräume sind zu klein und entsprechen nicht mehr modernen Standards. Bei größeren Veranstaltungen nutzt die Gemeinde ohnehin von jeher die Gastfreundschaft der evangelischen Kirche, weil es im "Clemens-Neumann-Heim" keinen großen Saal gibt.

Der älteste Teil des Gemeindehauses steht sogar bereits seit den dreißiger Jahren. Die Görlitzer Jugend war damals günstig an eine Teichbaude in Görlitz-Ost herangekommen, die anläßlich der Weltausstellung aufgestellt worden war. Die Baude war bis vor kurzem immer noch in der Liste der Denkmalbehörde aufgeführt, obwohl nach einem Brand nicht mehr viel von dem Original übrig war.

Wolfgang Kresak konnte die Behörde davon überzeugen, daß der Schuppen nicht denkmalschutzwürdig ist. Der Weg für einen Abriß wäre also frei. Noch ist aber offen, ob ein kompletter Neubau oder lediglich ein Umbau erfolgen wird und wie das ganze bezahlt werden kann.

Feuchtigkeit steckt auch in den Wänden des "Pfarrhauses", das aus zwei Fertigteilhäusern besteht. Es waren die ersten Gebäude, die mit dem Sonderbauprogramm der DDR erstellt worden sind, nachdem das alte Pfarrhaus der St.-Jakobus-Gemeinde zum Sitz des Görlitzer Ordinariats wurde. Die Häuser beherbergen neben Wohnungen für den Pfarrer und den seit kurzem nicht mehr vorhandenen Kaplan auch das Pfarrbüro und eine kleine Bibliothek. Nicht nur der Kaplan fehlt der großen Gemeinde, auch für einen Hausmeister gäbe es eigentlich alle Hände voll zu tun.

Besonders im Winter gibt es für die Gemeinde mehr Arbeit als ehrenamtlich zu leisten ist. Wenn Schnee fällt, müssen auf dem großen Kirchgelände die Wege zwischen Clemens-Neumann-Heim, Pfarrhaus, Kirche und St.-Ottostift mit Kindergarten und Altenheim freigeschaufelt werden. Das Kohleschippen und Heizen für die Kirche ist seit der Heizungsumstellung weggefallen.

Bei den Vorbereitungsarbeiten für die neue Heizung und für die ebenfalls abgeschlossene Turmsanierung haben Gemeindemitglieder tatkräftig zugepackt. Unter anderem haben sie tonnenweise Schutt abtransportiert, der seit dem Zweiten Weltkrieg auf dem Turmgewölbe lastete.

Neben der Bereitschaft zur Mitarbeit hat sich die St. Jakobus-Gemeinde, die am heutigen Sonntag ihr 96. Kirchweihfest feiert, vieles bewahrt, was in mancher anderen Gemeinde längst nicht mehr selbstverständlich ist. In der Adventszeit zum Beispiel werden um fünf Uhr früh regelmäßig Roratemessen gefeiert, in der Fastenzeit werden Fastenpredigten gehalten. Am Donnerstag vor dem Herz-Jesu-Freitag hält die Domgemeinde die "Heilige Stunde" mit den Gebetsanliegen des Papstes. Es gibt einen Kirchenchor und eine Männerschola, einen Caritaskreis, Ministranten- und Jugendgruppen, Religiöse Kinderwochen, ein regelmäßiges Mütterfrühstück und vieles mehr.

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 40 des 46. Jahrgangs (im Jahr 1996).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Sonntag, 06.10.1996

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