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Nur Geschäftskontakte sind zu wenig

Internationales Jugendtreffen in der Dresdner Gemeinde St. Paulus

Mit Spiel und Spaß beim Treffen in Dresden-Plauen Dresden - Große, weiße Zelte sind auf der Wiese aufgebaut. An einer Leine über den Bäumen hängen nebeneinander die Fahnen Polens, der Tschechischen Republik, Deutschlands und die der Europäischen Union. Auf einer Bühne am Rande der Wiese stehen fünf Porträts. Sie zeigen die polnischen Märtyrer, die 1942 unweit von hier, am Münchner Platz, hingerichtet wurden. "Die fünf", so nennen sie die Teilnehmer des internationalen Jugendtreffens, zu dem die Dresdner Pfarrei St. Paulus an diesem Wochenende eingeladen hat, gemeinsam mit den Salesianern Don Boscos. Etwa 160 Jugendliche sind gekommen. Die meisten aus der Bundesrepublik - Ost und West. 55 aus Polen, zehn aus Tschechien, auch zwei Mexikaner sind dabei.
"Wir werden auf Spurensuche gehen", sagt Pfarrer Gerhard Röhl zur Begrüßung in der Kirche. "Die fünf" sollen dabei als Beispiele für ein Leben im Glauben stehen, konsequent bis zum Äußersten. "Wie finde ich den Weg aus der Dunkelheit zum Licht, aus meiner Todeszelle?", fragt er. Dann stimmt der Jugendchor der Gemeinde wieder ein Gospel an. "Good news", tönt es. Ein Rhythmus, der mitreißt. Die Jugendlichen klatschen im Takt, trommeln begeistert auf die Kirchenbänke. Stimmung muss schon auch sein.
Wenig später sitzt Michal Kaplanek mit zehn Jugendlichen in der strahlenden Vormittagssonne um einen Tisch - einer von insgesamt elf Workshops. Der Tscheche, Jahrgang 1962, ist Salesianerpater in Prag. Was das in den 80er Jahren in der Tschechoslowakei, unter der Herrschaft der kommunistischen Partei, bedeutete, können sich seine Zuhörer, die zwischen 17 und 20 Jahre alt sind, kaum vorstellen. Als er sich für die Priesterlaufbahn entschied, erzählt Michal Kaplanek, habe man seinen Vater, der als Musiklehrer arbeitete, gezwungen, in Frühpension zu gehen. Versammeln konnten sich die Salesianer nur illegal. Orden waren streng verboten. 1989, mit der "Wende", sei die dunkle Zeit zu Ende gewesen. Probleme habe die Kirche aber noch immer, nur andere. Beispielsweise seien heute nur noch etwa 27 Prozent der Tschechen Katholiken.

Eine bedrückende Situation vielerorts. Einige der jungen Leute am Tisch haben etwas davon auf ihrer 500-Kilometer-Radtour von Regensburg über Karlovy Vary, Teplice und Decin nach Dresden erfahren. "In Louny", erzählt Franziska, die im Oberallgäu zu Hause ist, "war der Pfarrer recht mutlos, weil da nur noch eine alte Frau regelmäßig in die Kirche kommt." Aber die Gastfreundschaft, die sie dort erlebten, sei überwältigend gewesen, berichtet Claudia aus Bayern. "Die sind so offen und freundlich gewesen. Das war für mich eine ganz neue und gute Erfahrung."

Pater Kaplanek hält Kommunikation, Begegnung, etwa bei solchen Jugendtreffen, für ganz wichtig: "Menschen aus Ost und West treffen sich meist nur geschäftlich. Wenn ich mich aber nicht auch für die Menschen interessiere, führt das zu Spannungen." Über die Zeit vor 1989 in seinem Land mit Älteren zu reden, sei schwierig, meint Kaplanek. Auch die drei Jungs aus Ostsachsen haben kaum etwas von ihren Eltern darüber gehört. "Sie erzählen nur wenig", sagt Johannes. Tobias erinnert sich noch, wie seine Mutter ihn und seine Geschwister eines Morgens unter Freudentränen aus dem Bett holte. "Sie hat gesagt, die Grenze ist offen und uns umarmt. Wir haben gedacht, es ist jemand gestorben." Alexander weiß zumindest, dass sein Vater den Waffendienst bei der Armee verweigert hat.

Am Nachmittag kommt Bewegung in die Gruppen. "Kommunikative Spiele" nennt sich einer der Workshops. Eine Mauer ist da zu überwinden: ein Seil, in Augenhöhe zwischen zwei Bäume gespannt. Das geht nur gemeinsam. Einfälle sind gefragt: Wen zuerst, wen zuletzt und wie hinüber bugsieren? Einige der polnischen Jugendlichen tanzen zu christlichen Liedern. Blaue und gelbe Seidentüchern lassen sie mit den Händen schweben. Bewegungen, mit denen sie ihre Freiheit auszudrücken versuchen. Andere fertigen eine Kerze zum Jugendtreffen an.

Im vergangenen Jahr hätten sie ganz klein begonnen mit den Treffen, erzählt Pfarrer Gerhard Röhl. Erst mal nur Jugendliche aus der Pfarrei. Diesmal sei es schon international. Ganz groß aber soll es im kommenden Jahr werden. Die Ermordung der fünf Märtyrer jährt sich dann zum 60. Mal. "Für den 31. August 2002 lädt Joachim Reinelt, der Bischof unseres Bistums Dresden-Meißen, aus diesem Anlass die Jugend Europas nach Dresden ein."

Tomas Gärtner

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 36 des 51. Jahrgangs (im Jahr 2001).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Mittwoch, 05.09.2001

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