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Bistum Erfurt

Gemeinsam "Sein Volk" sein

Bistumswallfahrt und Kirchentag

Erfurt (ep) - Von ökumenischen Akzenten geprägt war in diesem Jahr die traditionelle Herbstwallfahrt zum Erfurter Mariendom. Denn zur gleichen Stunde fand in Erfurt der Abschluß des Kirchentages der evangelischen Christen der Region statt und die Kirchen hatten sich entschlossen, am Sonntag zwar getrennt mit verschiedenen Gottesdiensten zu beginnen, dann aber den Tag gemeinsam mit Foren und einer ökumenischen Abschlußfeier fortzusetzen. Gemeinsames Motto: "Wir sind Sein Volk". Bei der Wallfahrt hieß es ergänzend: "... - berufen und gesandt".

In seiner Predigt rief Bischof Joachim Wanke während der Eucharistiefeier am Morgen Christen und Kirchen zu einem größeren - wenn auch demütigen - Selbstbewußtsein auf. Das Wissen, "Sein Volk" zu sein, gebe dafür allen Grund. "Wir sollten stärker davon überzeugt sein, daß wir als Christen für dieses Land unentbehrlich sind", so Bischof Wanke. "Wo sollen denn Solidarität, Versöhnungswille, Hoffnung und Lebenstapferkeit herkommen - wenn nicht von Euch? Wer soll denn Kindern Werte und Grundhaltungen mitgeben, die auch morgen tragen - wenn nicht gläubige Christen?" In einem Land, in dem sich so manche auf den Ego-Trip machen und feste Bindungen scheuen, braucht es "notwendiger" denn je "Familien, die zusammenhalten, und Menschen, die andere verläßlich stützen können - also Euch", sagte Wanke.

Dankbar zeigte sich der Bischof für die gemeinsamen "Elemente" von Kirchentag und Bistumswallfahrt. "Wir sind zwar noch nicht miteinander ,verheiratet', aber vielleicht schon ,verlobt'. Wir können und wollen nicht mehr von einander lassen, weil uns der Herr drängt, sein einig Volk zu sein." Zu Beginn der Eucharistie hatte Erfurts evangelischer Propst Joachim Jaeger gewünscht, zum gemeinsamen Beten und Tun werde "hoffentlich bald das gemeinsame Mal hinzukommen".

Die Ökumenische Abschlußfeier auf dem Domplatz war von "Szenen aus dem Leben ,S'eines Volkes" bestimmt. In vier Anspielen (Foto Seite 11) und in den Fürbitten wurden gesellschaftliche Themen aufgegriffen wie die soziale Not in Deutschland, gegenseitiges Sich-nicht-verstehen und die Not in anderen Ländern sehen, aber nicht helfen. Politiker würden häufig "Luftblasen" reden und nur das eigene Wohl und das ihrer Gruppe im Blick haben. Aufs Korn genommen wurden auch die Gruppenegoismen ("Ich" bin das Volk.) sowie Hektik und Statusdenken. In einer Ansprache ermutigte Barbara Rinke, Präsidiumsmitglied des Deutschen Evangelischen Kirchentages, dazu, Gott in der scheinbar gottlos gewordenen Welt zu "entdecken", zu "enttarnen" und sich ihm zuzuwenden.

Zuvor hatten am Mittag gut besuchte Foren zu verschiedenen Themen stattgefunden. Außerdem gab es Angebote für Kinder, Laientheater und Musikveranstaltungen. Großen Beifall erhielt zum Beispiel eine Kinder- und Jugendgruppe aus Lateinamerika mit ihren Tanz- und Musikdarbietungen im Coelicum am Dom. Die "Los pequenos hermanos", wie sich die Gruppe nennt, reisen derzeit für das deutsche Päpstliche Missionswerk der Kinder durch Thüringen. Unter dem Thema "Vom Wohlfahrtsstaat zur Wohlfahrtsgesellschaft" diskutierten in der Kilianikapelle am Dom Experten über Probleme der Marktwirtschaft, zu der es keine grundsätzliche Alternative gibt, wie festgestellt wurde. Wenn annähernde Vollbeschäftigung nicht mehr zu erreichen sei, müsse über andere Formen der Finanzierung des Sozialstaates nachgedacht werden, hieß es.

Der Staatssekretär im Thüringer Sozialministerium, Dr. Klaus Theo Schröter (SPD) verlangte, bestehende Finanzreserven - etwa durch Erhöhung der Sozialversicherungsabgaben Gutverdienender - zu nutzen. "Es ist eine Machtfrage, wofür die Ressourcen eingesetzt werden", so Schröter. Dr. Ruth Kölblin von der Universität Jena, die am Sozialpapier der Kirchen zur wirtschaftlichen und sozialen Lage in Deutschland mitgearbeitet hat, warnte vor zu großen Erwartungen an das Papier.

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 38 des 46. Jahrgangs (im Jahr 1996).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Sonntag, 22.09.1996

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