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Bistum Erfurt

Gebet und Briefe zugunsten von Folteropfern

Vorgestellt: R. Böhmer in der Aktion der Christen zur Abschaffung der Folter

Renate Böhmer ließ sich ansprechen: An der Ökumenischen Versammlung interessiert, hatte sie sich im Juni am Tagungsort Erfurter Augustinerkloster eingefunden und war im Kreuzgang auf die Informationsstände verschiedenster Gruppen gestoßen. "Gleich beim ersten Stand blieb ich hängen", erzählt die 35jährige Frau, die gemeinsam mit ihrem Mann seit 1993 in Erfurt lebt. "Ich war mit der Einstellung gekommen: Mal sehen, auf was ich stoße", sagt die evangelische Christin. "Und landete bei ACAT, der Aktion der Christen für die Abschaffung der Folter e.V.".

Als christliche Menschenrechtsvereinigung von Protestanten, Katholiken, Orthodoxen und Quäkern gemeinsam 1974 in Frankreich gegründet, entstanden bald ACAT-Gründungen in weiteren europäischen Ländern, aber auch in Kanada und den USA. In Deutschland wurde ACAT 1984 gegründet.

"Als Ende der 70er / Anfang der 80er Jahre in etlichen Ländern der Welt Diktatoren an die Macht kamen und viele Menschen zu Unrecht verfolgt, eingesperrt und gefoltert wurden, engagierten sich zahlreiche Nichtregierungsorganisationen, darunter auch Amnesty International und ACAT für die Betroffenen. Und das mit einigem Erfolg. Und auf ganz gewaltlose Art und Weise", sagt die gebürtige Nürnbergerin. "Das gab der Aktion natürlich Auftrieb."

ACAT-Mitglieder erhalten aller vier Wochen eine sogenannte Monats-Sendung, berichtet Frau Böhmer. Darin sind Anregungen für das Gebet für konkrete Menschen enthalten. Im Juni zum Beispiel wurde für Journalisten in Albanien gebetet, die über Hintergründe bevorstehender Wahlen in ihrem Land wahrheitsgemäß berichtet hatten und trotz des Rechts auf freie Meinungsäußerung dafür eingesperrt wurden.

"Neben den Gebetsanregungen fordert ACAT seine Mitglieder immer auch auf, sich mit Briefen für Menschen, die gequält werden und von Folter bedroht sind, einzusetzen", sagt Frau Böhmer. Im vergangenen Mai zum Beispiel für eine Anwältin in Peru, die sich gegen Menschenrechtsverletzungen in dem Land engagiert. Der Anwältin wurde von Militärs in Lima mehrfach angedroht, man werde sie sexuell mißhandeln. Auch ihr Büro wurde durchwühlt. Staatlicher Schutz wurde ihr bis zu diesem Zeitpunkt nicht gewährt.

"Erfahrene Menschenrechtsaktivisten empfehlen ausdrücklich Briefaktionen. Briefe, die Protest gegen die Folter erheben, sind ein Mittel, um Druck auf die Regierenden auszuüben" sagt Frau Böhmer. "Wir zeigen damit, daß man im Ausland informiert und über die Menschenrechtsverletzungen empört ist. Daß unsere Briefe etwas bewirken können, beweisen Aussagen von Sicherheitskräften und freigekommenen Folteropfern." Ein Durchschlag des Briefes geht stets an die Botschaft des betreffenden Landes in der Bundesrepublik.

Renate Böhmer hat der Stil von ACAT überzeugt: "Es werden bewußt Bitten an die Verantwortlichen gerichtet. Niemand wird unter Druck gesetzt. Und ACAT macht keine Unterschiede in Hinsicht auf die politische Couleur der Opfer." Wer eine Hemmschwelle hat, bei Amnesty International mitzuarbeiten, für den ist ACAT eine echte Möglichkeit, sagt Frau Böhmer.

Die Hausfrau und zeitweilige Pflegemutter stellt ACAT bei Gemeindeabenden und anderen kirchlichen Veranstaltungen vor. Vor allem aber hofft sie, daß sich im persönlichen Kontakt mancher anregen läßt, sich ebenfalls gewaltlos für Menschen, die gequält werden oder von Folter bedroht sind, einzusetzen. Zwei ihrer Verwandten hat sie bereits überzeugt, daß Hilfe für die Opfer möglich ist. Am Tag des Flüchtlings am 27. September wird sie von 14.00 bis 18.00 Uhr an einem Stand auf dem Erfurter Anger anzutreffen sein.

Eckhard Pohl.

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 38 des 46. Jahrgangs (im Jahr 1996).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Sonntag, 22.09.1996

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