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Bistum Erfurt

Kinder brauchen Bindung zur Gemeinde

Frauen bedachten mit Bischof Wanke Lebensfragen

Heiligenstadt (fr) - "Was macht uns Sorge und was Hoffnung im Blick auf Kirche, Gesellschaft, Familie und Beruf?" war die zentrale Frage einer Begegnung von Bischof Joachim Wanke mit Frauen des Bitums im Exerzitienhaus St. Klemens in Heiligenstadt.

Ihre Situationsbeschriebung: die politische Wende brachte auch eine Wende im persönlichen Leben ein. Viele Menschen leiden unter Existenzsorgen und Zukunftsängsten, Eltern bangen um die Entwicklung ihrer Kinder, die unter ungeheuerem Leistungsdruck stehen.Alleinstehende und Alleinerziehende fühlen sich allein gelassen und bleiben oft auf der Strecke. Die Frauen stimmen überein: Unter all diesen Ängsten leidet das Gemeinschaftsgefühl. Der Egoismus nimmt zu.

Christlicher Glaube kann in dieser Situation eine Hilfe sein. Aus ihm können der und die einzelne Hoffnung schöpfen, erzählten die Gespächsteilnehmerinnen von ihren eigenen Erfahrungen. Auch Bischof Wanke sieht in der veränderten gesellschaftlichen Situation die Gefahr, daß Menschen vereinzeln. Er sieht deshalb eine Grundaufgabe der Kirche darin, gegen die Vereinzelung Menschen miteinander zu vernetzen.

Da christlicher Glaube immer wieder Hoffnung gibt, bewegte die Teilnehmerinnen die Frage: "Wie können wir als Eltern diesen Glauben an Kinder und Enkelkinder weitergeben?" Dabei sehen die Mütter im schulischen Religionsunterricht die Gefahr, daß die Verwurzelung der Kinder in der Pfarrgemeinde verloren geht. Schulischer Religionsunterricht sei reine Vermittlung von Fachwissen. Der Bezug zur Gemeinde und die Begegnung mit glaubwürdigen Christen fehle den jungen Menschen. Schulischer Religionsunterricht allein sei wie ein Skelett ohne Fleisch, meinte Bischof Wanke. Nur in der Gemeinschaft von Familie, Gemeinde und Schule kann den Kindern christlicher Glaube weitergegeben werden.

Kritisch stellten die Frauen die Frage, ob nicht das Festhalten der Kirche an überholten Dogmen" eine Ursache dafür sei, daß die junge Generation ihr Leben anders gestaltet, als Eltern es gedacht und gehofft haben. Die Beurteilung von Sexualität, Empfängnisverhütung, Sakramentenempfang von geschiedenen und wiederverheirateten Partnern und die Rolle der Frau in der Kirche waren Diskussionsthemen.

Das Gespräch darüber führte zu der Einsicht, daß es aus Sorge um das menschliche Leben kirchliche Vorschriften geben müsse, damit das Leben menschenwürdig bleibt. Der Bischof verglich die kirchlichen Vorschriften mit den Leitplanken auf der Autobahn. Beide seien dazu da, Schlimmes zu verhüten.

Das Wochenende im Exerzi-tienhaus St. Klemens mit Gesprächsrunden, gemeinsamem Gebet, Gesang und Gottesdienst erlebten alle Teilnehmerinnen als bereichernde Zeit. Sie waren dem Referat Erwachsenenseelsorge im Seelsorgeamt des Bistums für das Angebot dankbar. Das Wochenende habe ihnen Kraft gegeben, die Last des Alltags in dieser bewegten Zeit gestärkt durch den christlichen Glauben zu tragen, sagten sie.

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 37 des 46. Jahrgangs (im Jahr 1996).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Sonntag, 15.09.1996

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