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Bistum Görlitz

Schwangere unter mehrfachem Druck

Caritas-Beratungsstelle Görlitz hilft

Görlitz - Besonders wenn man ihn an den Füßen kitzelt, strahlt Christian über das ganze Gesicht und läßt seine Zähnchen blitzen. In seinem blau-weißen Strampler rutscht er zu Hause im Wohnzimmer vom Schoß des Gastes auf den seiner Mutter und verfolgt aufmerksam mit großen, blauen Augen, was passiert.

Der süße Fratz hätte hier gar nicht sitzen sollen, denn eigentlich wollte Anita ihn nicht haben. Christian ist ihr siebtes Kind. "Noch eines sollte wirklich nicht sein", erinnert sich Anita, die mit ihrer Familie in einer Fünf-Raum-Wohnung lebt. Sie und ihr Mann sind arbeitslos, die sechs Kinder - die Älteste war sechzehn, die Jüngste erst ein Jahr alt - waren schon schwierig genug durchzubringen.

"Ich bin zu Frau Grund gegangen, weil ich einen Beratungsschein fürs Krankenhaus haben wollte", erzählt sie, "auch wenn ich mir innerlich nicht ganz sicher war. Aber es ging einfach gegen die Vernunft..

Rosel Grund ist Diplom-Sozialarbeiterin und betreut die Schwangerschaftsberatung in der Caritas-Kreisstelle Görlitz. Daß es sich bei der Caritas um eine katholische Beratungsstelle handelt, hat Anita nicht gestört: "Ich habe da keine Vorbehalte. Es war einfach die nächst gelegene Beratungsmöglichkeit..

Für Rosel Grund ist es wichtig, bei der Konfliktberatung genauso offen zu sein wie andere Beratungsstellen. Es sei wichtig, den Frauen mit ihren Problemen zuzuhören, ohne Druck in irgendeine Richtung auszuüben. "Die Frauen, die hierher kommen, stehen ohnehin schon unter Druck aus verschiedenen Richtungen", berichtet die Sozialarbeiterin.

Da seien z. B. Nachbarn, die vielleicht dumm reden. Die Familie und Freunde rieten oft Entgegengesetztes.Meistens hätten die Schwangeren vor dem Besuch noch kaum Gelegenheit gehabt, sich über ihre eigenen Gefühle und über das, was sie selbst wollten, klar zu werden.

Rosel Grund legt bei einer Konfliktberatung alle möglichen Wege offen. Unter anderem kann sie einen Überblick über die zukünftige finanzielle Situation vermitteln. Anschließend stellt sie den Frauen einen Beratungsschein aus. Daß sie diesen Schein, der bei einer Abtreibung vorgelegt werden muß, ausstellen kann, ist ihr wichtig. "Sonst würde auch ich Druck ausüben. Kaum eine Frau würde sich der Belastung aussetzen und zu zwei verschiedenen Beratungen gehen.

Eine Belastung sei die Beratung in jedem Fall. Kaum einer Frau falle es leicht, über solch intime Dinge zu reden. Rosel Grund bemüht sich daher, eine Atmosphäre des Vertrauens zu schaffen. Noch keine Frau habe sich geweigert, mit ihr über die Gründe für die gewünschte Abtreibung zu reden. Eine Verschärfung des Abtreibungsrechtes nach bayrischem Vorbild, wie es jetzt auch in Sachsen diskutiert wird, hält sie daher für überflüssig.

"Das Bild in den Köpfen vieler Leute von den jungen störrischen Frauen, die absolut kalt nur ihr Recht einfordern, stimmt so nicht." Oftmals werde auch übersehen, wie schwer es für die Frauen mitunter sei, mit den Folgen ihrer Entscheidung zu leben. "Frau Grund hatte mir nach der Beratung den Schein ausgestellt, jedoch gesagt, daß ich mit der Entscheidung wohl nicht so einfach klarkommen werde", erinnert Anita und lacht: "Sie kannte mich besser als ich mich selbst..

Nach der dreistündigen Beratung war ihr noch vieles durch den Kopf gegangen und ihre tiefe Liebe zu den Kindern hatte schließlich gesiegt. "Ich hab mir gedacht: Laß die Nachbarn sich doch das Maul zerreißen, ich bekomme mein Kind..

Mit dieser Entscheidung steht Anita nicht allein. Immerhin haben 1995 in Sachsen 3 200 Frauen nach einer Beratung Abstand von ihrem Vorhaben zur Abtreibung genommen.

Mit der Entscheidung einer Mutter für ihr Kind ist die Arbeit für die Caritas-Beratungsstelle längst nicht zu Ende. Rosel Grund weiß Rat bei Fragen zu Mutterschutz, Erziehungsurlaub, Kinder- und Erziehungsgeld sowie Kinderbetreuung. Es können bei finanzieller Notsituation Gelder aus der Stiftung "Hilfe für Familien, Mutter und Kind" beantragt werden, die vornehmlich für die Erstausstattung des Kindes gedacht sind. Doch auch später, wenn die Kinder größer sind, wird die Familie nicht alleingelassen.

"Ich bewundere jede Frau, die heute den Mut findet, ein Kind zu bekommen", sagt Rosel Grund. Viele Frauen seien verunsichert, weil ihnen die Übersicht über Unterstützungsmöglichkeiten fehle. "Zu DDR-Zeiten hätte ich das Kind auf jeden Fall bekommen", hört die Caritas-Beraterin oft. "Dann hätte ich gewußt, wie es weiterginge..

Christian quäkt, weil er mittlerweile müde ist. Anita sieht ihm liebevoll nach, als der Vati ihn ins Bett bringt: "Ich kann mir gar nicht mehr vorstellen, ihn einmal nicht gewollt zu haben."
(Die Namen von Mutter und Kind hat die Redaktion geändert..

Carmen Rotterdam .

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 36 des 46. Jahrgangs (im Jahr 1996).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Sonntag, 08.09.1996

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