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Bistum Erfurt

In Gemeinschaft lebt sich´s leichter

Katholischer Gehörlosenverein "Eichsfeldia" feiert 80. Stiftungsfest

Leinefelde - An diesem Wochenende feiern die katholischen Gehörlosen des Eichsfeldes und ihre Gäste das 80jährige Bestehen ihres Katholischen Gehörlosenvereins "Eichsfeldia". Willkommener Anlaß, in Heiligenstadt die Gemeinschaft der Gehörlosen der Region und ganz Deutschlands zu stärken. Das jedenfalls möchte der Erste Vorsitzende des Vereins, Alfons Rogge (49), der - selbst fast gehörlos - auch stellvertretender Vorsitzender des Bundesverbands katholischer Gehörloser ist.

Rogge hat gute Gründe dafür. Noch immer ist die gesellschaftliche Gleichstellung Gehörloser nicht voll erreicht: Wer ohne jegliches Gehör ist, dem hilft auch ein von der Krankenkasse bezahltes Hörgerät nicht. Folge: Besonders bei Behördengängen, aber etwa auch Arztbesuchen ist der Gehörlose auf einen Dolmetscher angewiesen, der ihm Gesagtes in die Gebärdensprache übersetzt und umgekehrt. Alfons Rogge: "Doch den Dolmetscher muß sich der Gehörlose selbst besorgen und auch bezahlen..

Da im Gegensatz etwa zu Frankreich in Deutschland die Gebärdensprache nicht als Sprache anerkannt wird, ist Gebärdendolmetscher auch kein anerkannter Beruf. Alfons Rogge: "Wenn im Bürgerlichen Gesetzbuch endlich das Recht auf einen Gebärdendolmetscher so festgeschrieben wäre wie einem Ausländer ein Dolmetscher zusteht, wäre uns viel geholfen."

Dank technischen Fortschritts gibt es für Hörgeschädigte Hilfsmittel wie Lichtklingeln und Schreibtelefone. Rogge: "Die Sozialgerichte haben längst festgestellt, daß Schreibtelefone die für eine Finanzierung geforderten Hilfsmitteleigenschaften besitzen. Die Krankenkassen bezahlen die Telefone dennoch nicht." Folge: Vor allem älteren Gehörlosen steht ein gutes Hilfsmittel, das den Alltag erleichtert, nicht zur Verfügung.

Genauso wichtig wie das Ringen um Gleichstellung ist für Gehörlose die Erfahrung des gemeinsamen Glaubens und lebendiger Gemeinschaft. Ein Anliegen, das auch beim 80. Stiftungsfest nicht zu kurz kommen soll, wie Alfons Rogge sagt, und das seit Gründung des Vereins eine wichtige Rolle spielt. Als etwa zum 15. Stiftungsfest 1931 in Heiligenstadt eine eigene Vereinsfahne geweiht wurde, spendierten die deutschen Schwestervereine die Fahnennägel - als Zeichen gegenseitiger Solidarität und gemeinsamen Ringens um verwehrte Rechte. An beides soll an diesem Wochenende erinnert werden. Denn alle heute im Bundesverband zusammengeschlossenen katholischen Vereine sind nach Heiligenstadt eingeladen. Rogge: "Ich kann nur bei einem Stiftungsfest die Gemeinsamkeit zeigen."

Zu den Anliegen des Gehörlosenvereins "Eichsfeldia", der 1991 nach 45jährigem Verbot als "e.V." wiedergegründet werden konnte, gehört das Angebot, monatlicher Gottesdienste für Gehörlose und Schwerhörige, die der Gehörlosenseelsorger ge-meinsam mit Gehörlosen gestaltet. Der Verein unterstützt die Behinderten bei der Teilnahme an Wallfahrten, Exerzitien und religiösen Freizeiten; schließlich hilft der Glaube uns Behinderten, das Leben zu bestehen, sagt Rogge. Doch "Eichsfeldia" ist auch für Nichtchristen offen.

Bei monatlichen Versammlungen werden Informationen weitergegeben, aber auch Vorträge, Dias oder mit Untertiteln versehene Videofilme gezeigt. Kranke und gehbehinderte Gehörlose besuchen Alfons Rogge und sein ABM-Mitarbeiter Joachim Becker zu Hause. In der Hilfsmittel-Beratungsstelle im Leinefelder Gemeindezentrum im Bonifatiusweg 6 können Hörgeschädigte und ihre Angehörigen Rat und Hilfe bekommen. Durch zähes Mühen von Rogge und Becker konnten zwölf arbeitslose Gehörlose in der Region einen behindertengerecht ausgestatteten Arbeitsplatz finden. - Dem Verein gehören 100 Mitglieder an, darunter auch zahlreiche Hörende. Ihr Vorsitzender Rogge leistet seinen Dienst ehrenamtlich.

Eckhard Pohl.

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 36 des 46. Jahrgangs (im Jahr 1996).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Sonntag, 08.09.1996

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