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Bistum Görlitz

Starthilfe in ein anderes Leben

Tätige Unterstützung und Seelsorge in der Landesstelle für Aussiedler in Peitz

Peitz (ksch) - Ein grauer Wohnblock. Ein großes Schild mit dem Brandenburger Adler und der Aufschrift: Land Brandenburg: Landesstelle für Aussiedler. Freundliche Herren an der Rezeption begrüßen den emeritierten, 71jährigen Pfarrer von Peitz, Horst Andreas, als er das Gebäude betritt. Russische Wortfetzen überall. Wartende vor dem Arbeitsamt, dem Sozialamt, dem Wohnungsamt, der Antragstelle soundso, alle im Parterre des Gebäudes untergebracht.

In der zweiten Etage eine Tür mit dem Logo der Caritas. Auch hier warten Menschen. Was Ämter mit ihrem reglementierten Büroalltag nicht schaffen können oder was nicht unbedingt in ihren Kompetenzbereich fällt, wird in bewundernswürdiger Zusammenarbeit den freien Wohlfahrtsträgern, die im gleichen Haus präsent sind, weitergereicht. Schon auf den Laufzetteln sind sie vermerkt, die Arbeiterwohlfahrt, die Diakonie, die evangelische Flüchtlingsseelsorge und eben auch die Caritas.

Von denen, die hier ankommen, verstehen meist nur die Älteren ein wenig deutsch. Pfarrer Horst Andreas spricht trotzdem auch die jüngeren Menschen an, begrüßt sie, stellt sich vor. Dabei weiß er genau, daß keine umfassende Kommunikation zustande kommen kann. Doch viele der Aussiedler sind froh, wenn sich ihnen jemand zuwendet. Zu vielfältig und neu ist alles, was sie in den Tagen hier erfahren. Und doch: In den maximal zwei Wochen, die sie hier Station machen, kommt es zu ersten freundschaftlichen Kontakten mit der einheimischen deutschen Bevölkerung.

Peitz ist ein kleines Städtchen in der Nähe von Cottbus, manchem vielleicht durch seine zu DDR-Zeiten groß ausgebauten Karpfenzucht bekannt, die heute wieder auf relativ sicheren Füßen steht. Hier ist die Anlaufstelle für Aussiedler des Landes Brandenburg eingerichtet. 3,5 Prozent der in Deutschland ankommenden deutschstämmigen Aussiedler hat das Land Brandenburg aufzunehmen. Im Februar dieses Jahres wurde der 20 000. Aussiedler in Peitz begrüßt.
Pfarrer Horst Andreas wurde 1991 - damals war er noch aktiv im Amt - durch die evangelische Flüchtlingsseelsorge auf die Arbeit der neu eingerichteten Landesstelle in seinem Pfarrgebiet aufmerksam. Die ohnehin bestehende gute ökumenische Zusammenarbeit erfuhr duch diese neue Herausforderung wesentliche Impulse.

Im kleinen Caritasbüro der Anlaufstelle ist Sozialpädagogin Sabine Sczesny für die hier auf "Durchgang" lebenden Aussiedler selbständige Ansprechpartnerin. Ihre sehr guten Russischkenntnisse, vor allem aber ihre freundliche, offene und auch einfühlsame Art lassen schnell Vertrauen wachsen. Für die Neubürger sind die vielen Hinweise, Anweisungen und Anträge ein wahrer Dschungel. "Auf in die Zukunft", ist etwa ein Heft überschrieben, dessen Untertitel "Was Sie über Deutschland wissen müssen" den Inhalt erahnen läßt. Es ist in russisch und deutsch verfaßt. Verschiedenste Problemfelder werden darin erläutert. Zwischen den Zeilen bleibt dennoch vieles offen, was nur in vertrauter, persönlicher Atmosphäre zu klären ist. Hilfe zur Selbsthilfe sollen die Aussiedler erhalten. Dafür stehen die freien Träger und auch Sabine Sczesny ein.

Für die seelsorglichen Anliegen ist katholischerseits jederzeit Pfarrer Horst Andreas da. Für ihn als den Gründer und immer noch geistigen Vater der Außenstelle der Kreis-Caritas Cottbus ist jetzt im Alter die Seelsorge im wahrsten Sinne des Wortes Lebensaufgabe. In der ersten Zeit erhielt er dafür durch den Fachbereich Lagerseelsorge des Caritasverbandes in Freiburg (Breisgau) Anleitung und Hilfe in allen Belangen. Von dort wurde auch sein schmuckes Büro eingerichtet.

Ein fester Termin für die Aussiedler in Peitz ist der ökumenische Begegnungsnachmittag an jedem Freitag um 16 Uhr. Er findet in den Räumen der evangelischen Kirche statt. Die Teilnehmerzahl schwankt sehr: Zwischen 20 und 200 Teilnehmern werden vom evangelischen Pastoren-Ehepaar Elisabeth und Günter Berndt, Pastor Kurt Malk und Pfarrer Horst Andreas begrüßt. Mehrere umliegende evangelische Dorfgemeinden liefern in treuer Regelmäßigkeit den Kuchen für eine Kaffeetafel und bewirten die Aussiedler. Eine Kleiderkammer bietet gespendete Textilien an. Das gemeinsame Gebet ist Mittelpunkt jeder Begegnung.

Wer die Landesstelle in Peitz wieder verläßt, bekommt auf Wunsch ein Begleitschreiben an den Pfarrer des neuen Heimatortes in die Hand. Gleichzeitig werden diese Pfarreien vorinformiert. Selbstverständlich alles unter Beachtung des Datenschutzes. Der Neuanfang ist ohnehin sehr schwer. Da ist es schon eine große Hilfe, wenn die Aussiedler in den Pfarreien oder den anderen Caritas-Kreisstellen des Erzbistums Berlin oder des Bistums Görlitz bereits erwartet werden.

Weil die erste wirklich erfahrene Liebe oft nicht vergessen wird, gibt es auch das: Einzelne kommen mit ganz persönlichen Problemen irgendwann aus entfernten Orten nach Peitz, an das südliche Ende des Landes Brandenburg, zu einem Gespräch zurück, weil sie hier Vertrauen und herzliche Zuneigung erfahren haben. Gibt es einen schöneren Dank.

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 35 des 46. Jahrgangs (im Jahr 1996).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Sonntag, 01.09.1996

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