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Aus der Region

Kaiser's Liebe zu Messing, Gold und Edelsteinen

Erfurt: Kunsthandwerk über drei Generationen

Der Beruf des Silberschmieds ist für mich absolut zufriedenstellend gewesen", sagt Joachim Kaiser. Und fügt hinzu: "Nicht zuletzt, weil es bei vielen Arbeiten immer auch um das Lob Gottes ging, habe ich stets versucht, mit viel Verantwortung an meine Aufgaben heranzugehen". Seit Januar 1995 ist der 67jährige nun ehrenamtlicher Beigeordneter für Kultur in Erfurt. Ein Amt, das oft zehn und zwölf Stunden pro Tag beansprucht, "aber auch eine Chance ist, das eine oder andere aus christlicher Überzeugung heraus in die Gleise zu setzten", wie er sagt.Seine Werkstatt in der Erfurter Johannesstraße gleich hinter der Kaufmannskirche betreibt seit 1995 sein jüngerer Sohn Johannes (30). Und auch Sohn Matthias (41), der derzeit in Schlitz in der Nähe von Fulda arbeitet, hat die Kunst der Metallgestaltung erlernt und studiert. So hat das Kunsthandwerk bei Familie Kaiser inzwischen Tradition, zumal auch Großvater Otto Kaiser (^1970) bereits in der Branche als Kunstschmied tätig war und sein Handwerk ausgezeichnet beherrschte, wie schmiedeeiserne Arbeiten in Wohnung und Werkstatt der Familie beweisen.

Joachim Kaiser hat von Beginn seiner beruflichen Laufbahn an viel für die Kirche gearbeitet. Als junger Mann waren er und seine heutige Ehefrau Gisela unter Seelsorger Karl Schollmeyer in der Jugend aktiv. Seit dieser Zeit hat er immer rege Kontakte zu Priestern und später auch zu Theolgiestudenten gehabt. Am Kriegsende sollte Joachim Kaiser "schnell was vernünftiges lernen". Was lag näher, als wie der Vater in’s Metallkunsthandwerk zu gehen. Bei einem Kollegen des Vaters, der Schmuck herstellte, nahm Kaiser eine Lehre auf und besuchte danach die Erfurter Fachschule für angewandte Kunst. Gleichzeitig begann er, sich auf "größere Arbeiten" zu orientieren. "Der Fachschuldirektor durfte nicht mitbekommen, daß wir Kirchengerät reparierten", erinnert er sich noch gut. Seine Prüfung als Goldschmiedemeister legte Kaiser 1953 ab, sein Meisterstück war das Brustkreuz für den Erfurter Weihbischof Joseph Freusberg. 1954 begann er dann freiberuflich in Erfurt zu arbeiten. Während der DDR-Zeit gehörte Kaiser mit den Erfurtern Ernst Brepohl, Helmut Briese und Helmut Senf sowie der Firma Adolf, Burg zu den wenigen Goldschmieden, die sakrale Geräte herstellten.

Um als Kunsthandwerker bekannt zu werden, versuchte Kaiser, seine Produkte auch auszustellen. In der DDR der 50er/ 60er Jahre ein schwieriges Unterfangen: "Die Kirche dürfe mit sakralen Gegenständen außerhalb kirchlicher Räume keine Reklame für sich machen", hieß es ablehnend. "Doch nachdem ich dann irgendwann heraus bekommen hatte, daß ein Kelch, wenn ich ihn als Pokal deklarierte, bessere Chancen hatte, ging es". sagt Kaiser. So kamen im Laufe der Jahre einige Ausstellungen zusammen, auf denen er vertreten war. Etwa auf den Dresdener Kunstausstellungen, auf der Handwerksmesse München "Exempla - Handwerk und Kirche", 1977, und auf der "Triennale Europäisches Silber" 1989/90 in Hanau. Zu seinen regelmäßigen Auftraggebern zählten vor allem Gemeinden und Angehörige von Priesterweihe-Kandidaten. Zehn Jahre lang produzierte er zum Beispiel aber auch Sportpreise für die Friedensfahrt. Nach der Wende wurde bei ihm die Rektoratskette für die neue Chemnitzer Universität bestellt. Doch Neuanfertigungen werden heute eher seltener gewünscht. Immer öfter werden zum Beispiel alte Kelche weiterverwendet und höchstens zur Restauration gegeben.

In seiner 40jährigen Tätigkeit hat Kaiser 40 Tabernakel, sechs Monstranzen, sechs Bischofskreuze und zwei Bischofsstäbe, 100 Kelche, 160 Ziborien (Speisekelche) und Schalen und sage und schreibe 2000 Stand- und Wandkreuze angefertigt. "Bei Kelchen und Schalen habe ich meistens eine Kombination versucht: Wenn die Kelchkuppa eine getriebene Aufzieharbeit mit Hammerstruktur war, dann habe ich den Kelchfuß mit einer anderen Technik gestaltet und auch anderes Material verwandt, etwa Palmen- oder Ebenholz, soweit dieses zu bekommen war", erzählt Kaiser.

Irgendwann fertigte der Kunsthandwerker einmal einen Kelch an, ohne mit dem künftigen Benutzer über dessen Wünsche zu sprechen. Folge: Der Primiziand war ziemlich enttäuscht. "Seit dem habe ich das nie wieder so gemacht", erinnert sich Kaiser. "Zumal es sich ja oft um Gegenstände handelte, die jemand ein Leben lang benutzt." Kaiser erinnert sich etwa an den Wunsch, einen Kelch in Form eines Bechers anzufertigen. Das sei noch vor dem Konzil gewesen. Eines Tages habe er seinen Erfurter Weihbischof Hugo Aufderbeck gefragt, ob er einen enstprechenden Kelch konsekrieren würde, und darauf ein klares "Nein" erhalten. Als das Zweite Vatikanum zu Ende war, "war es dann kein Problem mehr".

"Traurig" war Joachim Kaiser, als der erste Geistliche, für den er Kelch und Schale geschaffen hatte, seinen Dienst als Priester aufgab. Heute kommt der Gold- und Silberschmied nur noch wenig dazu, sein Handwerk zu betreiben. So hat Sohn Johannes zum Beispiel den Tabernakel für die neue Kapelle von Heygendorf bei Artern geschaffen. Und auch die Restaurierungsarbeiten werden größtenteils von ihm gemacht. "Für das eine oder andere hole ich mir dabei durchaus den Rat meines Vaters", gibt Johannes Kaiser unumwunden zu. Da soll eine silberne Monstranz gereinigt werden. Ein Kelch ist neu zu vergolden. An der Bekrönung einer Prozessionsmadonna muß ein fehlender Bergkristall ergänzt werden. Restauriert hat der junge Silberschmiedemeister aber auch schon das Erfurter und zwei Leipziger Universitätszepter.

Bei all diesen Arbeiten kommt inzwischen neben altbewährten Methoden auch ganz moderne Technik zum Einsatz: etwa ein Ultraschallgerät zum Reinigen von Metallteilen oder eine Bohrmaschine mit beweglicher Bohrwelle vergleichbar der eines Zahnarztes. "Spaß macht es mir auch, bei älteren Stücken herauszubekommen, von wem und wo sie gearbeitet wurden", sagt Johannes Kaiser. Immer wieder staunt der junge Meister über seinen Vater: "Er schaut sich ein Stück an und sagt mir auf Anhieb, von wem es gemacht ist oder aus welcher Epoche es stammt." Wenn Johannes Kaiser mit Schmiedehammer und Formeisen, mit Pinzette, Pinsel oder Feile so richtig zu gange ist, wird es manchen Abend auch spät, wie er erzählt.

Sein Bruder Matthias Kaiser (41) wirkt bereits seit 1982 freischaffend. Zu seinen Arbeiten zählen Altarraumgestaltungen in Arnstadt und Zella-Mehlis, Tabernakel für die St.-Bonifatius-Kirche Leinefelde und die Hauskapelle der Kleinen Schwestern in Gräfentonna. Darüber hinaus hat der diplomierte Metallgestalter auch zahlreiche profane Arbeiten von der Wendeltreppe bis zum Brillenetui geschaffen. "Durch die Beschäftigung mit Metallen in ihren unterschiedlichen Erscheinungsformen, mit dem jedem Metall eigenen Widerstand, den es der Bearbeitung entgegensetzt und den tausendfachen Möglichkeiten, es in Form und Oberfläche zu verändern, hat sich mir eine eigene Welt erschlossen", sagt Matthias Kaiser. Seine Entwürfe für sakrale Gegenstände entstehen stets im Gespäch mit Pfarrer und Gemeindemitgliedern. Darüberhinaus beschäftigt sich der Metalldesigner dann oft auch mit der Ikonographie der Themen. Kaiser: "So gelingt es mir, teilweise eine hintergründige Bildsprache zu entwickeln, durch die der Betrachter zum Nachdenken eingeladen wird..

Unter der Überschrift "Metallgestaltung in 3 Generationen 1908 - 1996" zeigt Joachim Kaiser gemeinsam mit seinen Söhnen Matthias und Johannes vom 30. August bis 30. September auf der Creuzburg nahe Eisenach mehr als 30 Arbeiten. Mit unter den Exponaten werden auch schmiedeeiserne Produkte seines Vaters Otto Kaiser sein. Die Ausstellung, die neben sakralen Gegenständen auch profane Arbeiten präsentiert, ist täglich von 10 bis 17 Uhr zu besichtigen.

Eckhard Pohl.

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 35 des 46. Jahrgangs (im Jahr 1996).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Sonntag, 01.09.1996

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