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Aus der Region

Damit sie nicht vergessen sind

Kloster Osek in Böhmen und seine Schwestern

Während ich durch den sonnendurchfluteten Klostergarten gehe und die Einsamkeit des riesigen Obstgartens genieße, denke ich an die 318 Schwestern, die hier einmal gelebt haben. (Das ist der Höchststand, den ich in Erfahrung gebracht habe.) Was taten sie hier in einem Männer-(Zisterzienser-)Kloster? Ganz einfach: Sie waren der damaligen tschechoslowakischen (kommunistischen) Regierung im Wege. Warum? Weil sie - wie es im Klosterführer aus dem Jahre 1985 allgemein von den Kommunisten hieß - einer "überholten Ideologie" verhaftet waren. Deshalb also mußte man sämtliche Klöster säubern. (Warum konnten sie eigentlich nicht dort wohnen bleiben?) Deshalb mußten sie Ererbtes und selbst Aufgebautes verlassen...Im Ursulinen-Kloster in Prag stand die Provinzial-Oberin an der Tür und gab den Schwestern, die an ihr vorbeigingen, die Parole mit auf den Weg: "Nicht weinen!" Doch, zum Weinen war es schon, besonders für die Älteren. Die Jüngeren sahen eher das Abenteuer...Wer von ihnen hätte geahnt, daß knapp 40 Jahre später der ganze Spuk zu Ende sein wird?

Aber ist "Spuk" nicht ein zu leichtfertiges Wort für alles, was sich in dieser Zeit abgespielt hat? Ich denke oft darüber nach, wie diesen Frauen zumute war. Etliche - ein Großteil? - kamen mit einer akademischen Ausbildung hierher - ohne jegliche Möglichkeit, den angestrebten Beruf ausüben zu können. Sie waren hier ohne jede Perspektive, eindeutig zum Aussterben verurteilt. Sie waren "serr, serr, traurig", erzählt eine Tschechin, die in den letzten acht Jahren hier gearbeitet hat. Traurig? Ich stelle mir vor, daß sie - wie manche anderen alten Leute auch - oder viel mehr - mit Depressionen zu kämpfen hatten.

Noch stehen zwei kitschige Statuen in einem Treppenhaus: eine Herz-Jesu-Figur und eine Herz-Mariä-Figur. Und trotzdem haben sie einen sehr persönlichen Gesichtsausdruck. Als hätten sie sich mit der damaligen Situation identifiziert, und als ob sie sagen würden: "Ich habe mir das anders vorgestellt..." Ich glaube, wenn ich damals hier gewesen wäre, hätte mich ein Blick auf diese Statuen sehr getröstet. Ich hätte das Mitleiden Gottes in ihnen erkannt und hätte mein Kreuz wieder entschlossen weitergetragen ...

Sicher, jedes Leben hat sein Kreuz, seine Tiefpunkte. Aber mich bewegt das Leben dieser internierten Frauen. Es ist kein Schicksalsschlag, der unverhofft und ungeplant kommt! Es ist der Schachzug von Menschen, eine bewußte Planung, das absichtliche Zerstören von Lebensmöglichkeiten ...Wie geht man damit um? Vielleicht ist es nicht allen hier geglückt. Vielleicht ist die Vergebung ein Leben lang nicht gelungen ...

Knapp 250 liegen auf dem Friedhof von Osek... Eine eindrucksvolle Reihe von Bekennerinnen. Wo gibt es sonst so eine Ansammlung? Kann dieser Friedhof nicht ein Wallfahrtsort werden? Zuerst für die betroffene Ordensgemeinschaft, dann auch für andere? Sicher: Diese Frauen sind nicht gemartert und gefoltert worden, was dem im Westen gebräuchlichen Ausdruck "Konzentrationslager" naheliegen würde. Sie waren einfach "konzentriert", interniert. Aber ist ein Gefängnis nicht immer ein Gefängnis, auch wenn es weitläufig ist.

Hoffentlich haben sie sich an der wechselnden Natur gefreut. Ob sie sich genug aus dem Weg gehen konnten, damit sie sich nicht auf die Nerven fielen? Ob sie das Fallobst aufsammeln und herzhaft in eine der wundervollen Birnen beißen durften? Ob sie die Nüsse ernten durften? Waren sie selbst wie Nußbäume, die Früchte gebracht haben? Früchte der Liebe, der Güte, der Geduld, der Nachsicht? War es bequem, bei ihnen zu ernten, wie bei diesem Baum, der so schief ist, und wo alles auf die Seite fällt? Oder waren sie nur noch der traurige Rest einstiger Schönheit, wie ein anderer Baum? Und trotzdem noch um Früchte bemüht? Oder waren sie wie der Baum, unter dem ich nichts fand, der ausgeplündert da stand? Oder wie dieser Walnußbusch, der das Leben sozusagen noch vor sich hat?

Dieses Kloster Osek hat eine ganz besondere Atmosphäre... Es birgt nicht nur normales Klosterleben von Mönchen, sondern das Leiden von gefangengehaltenen Frauen! Es heißt: Die Gegenwart (und damit die Zukunft) baut auf der Vergangenheit auf. Dann ensteht hier - unter dem neuvergoldeten leuchtenden Kreuz der Klosterkirche - eine neue geschwisterliche Kirche (wo im Notfall auch Frauen den zweiten Mönchschor übernehmen können).

Ich hoffe sehr, daß das Opfer dieser internierten Schwestern fruchtbar wird für die Kirche in Tschechien! Und das gerade in Osek eine Stätte der Völkerverständigung und Versöhnung ensteht! Und daß hier ertragenes und überwundenes Leiden zum Dünger wird für ein neues Erdreich, in dem der christliche Glaube wieder Wurzeln schlagen kann!

Tip: Im Rahmen der Feierlichkeiten zum 800jährigen Bestehen des Klosters Osek findet am 7. September ein Tag der einst im Kloster internierten Schwestern statt. Um 10 Uhr beginnt in der Klosterkirche ein Pontifikalamt mit Abtpräses Bernhard Thebes.

Das Kloster Osek liegt unweit vom Grenzübergang Zinnwald entfernt und ist von Dubi aus in Richtung Most zu erreichen.

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 35 des 46. Jahrgangs (im Jahr 1996).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Sonntag, 01.09.1996

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