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Anstoß

Aus Traum und Tränen

Auf Gottes Verheißung vertrauen

Angela Degenhardt

"Aus Traum und Tränen sind wir gemacht." So beginnt ein Liedtext von Lothar Zenetti. Traum und Tränen gehören zu unserem Menschsein. Gerade in der Fähigkeit zu Weinen liegt, ebenso wie im Lachen, sogar ein deutlicher Unterschied zu den Tieren.

Und was haben wir nicht alles für Träume: den Traum von der großen Liebe oder vom großen Los; vom schnellen Geld oder wenigstens vom sicheren Arbeitsplatz; von einem Leben ohne Krankheit (am liebsten sogar ohne den Tod). Wir sehnen uns nach Erfüllung, nach Annahme und Geborgenheit, nach Frieden unter den Menschen und im eigenen Herzen ...

Von manchen Wünschen sprechen wir leicht, während wir den ein oder anderen Traum vielleicht nur heimlich träumen. Auch unsere Klagen finden schnell Ausdruck. Die Tränen aber verstecken wir oder schlucken sie ganz herunter.

Von Tränen spricht man nicht gern. Kleine Kinder weinen noch, wenn sie hingefallen sind oder ihren Willen nicht bekommen. Ein Junge weint nicht, lernt man(n) später und auch manches Mädchen, das sich in der Welt von heute behaupten will, hat diesen Spruch nur zu gut verinnerlicht. Tränen vergießen -das gehört sich nicht! Vom Friedhof einmal abgesehen. Das Weinen passt so wenig wie der Tod in unsere Leistungsgesellschaft.

Dabei sind Tränen ein Hinweis auf Leben und Bewegung. Sie lösen, was in mir erstarrt ist. Wenn ich meine Tränen fließen lassen kann, ist das ein Eingeständnis meiner Ohnmacht, aber auch eine Entlastung. Tränen heilen und befreien. Zudem sind es ganz verschiedene Erfahrungen, die die Tränen überfließen lassen: Dankbarkeit und großes Glück treiben uns Freudentränen in die Augen, Abschied und Tod oder das eigene Unvermögen bringen Tränen des Schmerzes hervor. Weinen gehört zum Menschsein.

Als Menschen, die an Gott glauben, haben wir für unsere Träume und Hoffnungen einen Grund: Gottes Verheißung. Unsere Sehnsucht nach Heil ist kein Hirngespinst. Mit Jesu Ankunft hat das Reich Gottes unter uns begonnen. Durch ihn hat Gott den Tod besiegt, auch wenn er uns noch Schmerzen und Tränen bereitet. Es ist wohl wahr -aus Traum und Tränen sind wir gemacht. Aber keiner soll grundlos weinen und unsere Träume sind mehr als Schäume! Gott wird sie abwischen -die Tränen, die ich vergossen habe. Er wird mich trösten, wenn ich traurig bin und mich wärmen, wenn mir kalt wird am Ende meines Lebens. Durch meine Tränen wird die Schale meines Lebens dünner und weicher, sie machen mich menschlicher und empfänglicher für den großen Traum, den Gott mit mir träumt.

Angela Degenhardt,
Gemeindereferentin Halle

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 46 des 57. Jahrgangs (im Jahr 2007).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Mittwoch, 14.11.2007

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