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Bistum Erfurt

Erwartungen haben sich erfüllt

Bischof Joachim Wanke zum Elisabeth-Jahr: Wir müssen in Glaubensdingen Gesicht zeigen

Vom Elisabeth-Jahr 2006/07 sind zahlreiche Impulse in Kirche und Gesellschaft ausgegangen. Ein Gespräch mit Bischof Joachim Wanke.

Herr Bischof, welches Ereignis war für Sie persönlich das schönste im zurückliegenden Jubiläumsjahr?

Es gab eine Reihe von schönen Ereignissen. Was mich jedoch am meisten berührt hat, das war die Lichterprozession durch die Innenstadt von Erfurt am 15. September, am Vorabend des großen Elisabethfestes. Ich hatte vorab etwas Sorge, ob es auch gelingen kann, und war dann ganz überrascht über die vielen Menschen, die gekommen waren. Zudem prägte eine wirklich geistliche Atmosphäre diese Zeit. Es war eine ganz tiefe Erfahrung, so dass das Licht, das in die Nacht hineinleuchtete, ein Sinnbild für das Lebenszeugnis unserer Heiligen wurde.

Welche Bilanz des Elisabeth- Jahres können Sie ziehen und haben sich Ihre Erwartungen erfüllt?

Die Erwartungen an das Elisabeth- Jahr haben sich mehr als erfüllt. Wir konnten gar nicht ahnen, wie viele Initiativen sich entfalten werden und in welcher Breite das Jahr aufgenommen wurde. Ich möchte in dreifacher Hinsicht den Ertrag zusammenfassen. Erstens: Es war ein Jahr der intensiven Gottesverkündigung. Wer Elisabeth begegnet, begegnet dem Gott und Vater Jesu Christi, dem barmherzigen Gott. In einer Zeit, in der religiöser Terrorismus den Menschen Angst macht, ist das eine ganz wichtige Erfahrung. Und das Zweite: Es war ein Jahr der kirchlichen Selbstbesinnung. Wir fragten nach dem Verhältnis von Seelsorge und Caritas, wie gehören diese beiden Lebensimpulse zusammen. Wo Kirche ist, muss Caritas drin sein, und dort wo Caritas ist, muss Kirche drin sein. Und zum Dritten: Es war ein Jahr, das mit vielen sozialen und politischen Impulsen in die Gesellschaft hineinwirkte. So unter anderem mit der Botschaft: Wir leben nicht nur von Gerechtigkeit -sie ist notwendig -aber noch mehr braucht die Gesellschaft Barmherzigkeit.

Zu Beginn des Jahres haben Sie den Wunsch geäußert, Thüringen und seine Menschen mögen ein Stück weit barmherziger werden. Hat sich dieser Wunsch erfüllt? Es gibt eine Reihe von Beispielen, wo etwas in Bewegung gekommen ist. So hatten Christen in Gotha in der Innenstadt eine hundert Meter lange Tafel aufgebaut, um auf die Gothaer Tafel hinzuweisen und um Lebensmittel für Bedürftige zu sammeln. In Jena bildete sich ein Kreis Migration, der Einwanderer begleitet. In Heiligenstadt gründeten Ehrenamtliche einen Besuchsdienst im Pflegebereich. Oder die Initiative hier in Erfurt, die Lesehilfen für ausländische Kinder anbietet, um sie in ihrer Lesekompetenz zu stärken. Das sind Beispiele, die deutlich machen, dass die Impulse der Barmherzigkeit und der Zuwendung in der Breite aufgenommen wurden.

Wie geht es mit den "Sieben Werken der Barmherzigkeit für Thüringen heute" weiter?

Wir hatten den Versuch unternommen, die klassischen Werke der Barmherzigkeit, die ihre Geltung behalten, umzuformulieren in Werke der Barmherzigkeit für Thüringen heute. Also: Du gehörst dazu / Ich höre dir zu / Ich rede gut über dich / Ich gehe ein Stück mit dir / Ich teile mit dir / Ich besuche dich / Ich bete für dich. Diese Werke der Barmherzigkeit haben die Augen geöffnet für heute bestehende Nöte, die meist Beziehungsnöte sind. Wichtig ist die Zuwendung von Mensch zu Mensch. Die Einsamkeit zum Beispiel ist eine der Zeitnöte von heute. Insofern sind die aktualisierten Werke eine bleibende Aufforderung für jede und jeden, aufmerksamer in die eigene Umgebung zu schauen und aktiv zu werden.

Beim Pastoraltag regten Sie die Schaffung von Caritas-Teams in den Gemeinden an. Wie wurde dieser Wunsch aufgenommen, gibt es schon konkrete Schritte?

Es war in den Gesprächen und Diskussionen die Rede davon, dass die Gemeinde als solche fragt, wie sich die soziale Situation in ihrem Territorium darstellt. Und dann ging das Stichwort "Caritas- Team" oder "Arbeitskreis Caritas" aus diesen Überlegungen hervor. Wir sind gegenwärtig dabei, diese Idee weiter zu konkretisieren. In einer ersten Wochenendrunde mit Verantwortlichen aus den Gemeinden und Mitarbeitern der Caritas wurde dieses Anliegen sehr unterstützt. Wir werden versuchen, diese "Caritas-Teams" über die bestehenden Elisabethund Vinzenzgruppen hinaus in den großen Pfarreien oder auch gemeindeübergreifend zu etablieren um dem Elisabeth-Jahr eine gewisse Nachhaltigkeit zu geben.

Welche Aufgaben sollten aus heutiger Sicht diese Teams übernehmen?

Es geht um die Schärfung des sozialen Profils. Ich könnte mir denken, eine erste Aufgabe ist einfach das Wahrnehmen: Was ist in unserer Region Fakt im sozialen Bereich. Seismografisch sollte registriert werden, was an Bewegungen und Umbrüchen geschieht. Das Zweite ist die lokale Analyse und die Ursachenforschung. So beispielsweise bei folgenden Fragen: Wie kommt es, dass Kinder vernachlässigt werden? Warum bleiben Senioren einsam? Wie leben Menschen mit Dauerkrankheiten? Oder: Wie kommen Menschen mit Hartz IV zurecht? Dabei ist sicher eine Zusammenarbeit auch mit nichtkirchlichen Sozialeinrichtungen sehr wichtig. Und ein Drittes: In den Teams sollte überlegt werden, was die Gemeinde konkret tun kann. Ich nenne hier ein Beispiel. Eine Gemeinde in Erfurt hat entdeckt, dass sich viele Menschen eine Erdbestattung nicht mehr leisten können. So hat sie die Initiative ergriffen und auf dem Friedhof ein Gelände erworden, wo zu sozial verträglichen Preisen Erdbestattungen und Grabpflege möglich sind.

Welche Erwartungen haben Sie am Ende des Elisabeth-Jahres an die verbandliche Caritas?

Ich bin froh, dass wir die Caritas haben. Die Caritas ist eine wichtige kirchliche Einrichtung und sie ist ein hervorragender Fachverband. Meine Erwartung an die Caritas ist zum einen, dass sich die Gemeindeanbindung verstärkt. Bei diesem Anliegen ist neben der Caritas auch die Pfarrgemeinde gefordert. Das Zweite ist, dass die Caritas nicht nur im Namen Gottes handelt, sondern selbst Gottes Liebe verkündigt. Sie muss den Mut haben, in unterschiedlicher Weise von Gott Zeugnis zu geben. Dazu gehört es unter anderem zu zeigen, wo die eigenen Kraftquellen liegen, aus welchen Quellen ein Christ schöpft. Und mein dritter Wunsch ist eine geistliche Motivierung der Mitarbeiterschaft, die wir immer wieder brauchen. Zudem arbeiten bei der Caritas auch viele Nichtchristen, die durchaus offen für Themen des Glaubens sind.

Ist es durch das Elisabeth-Jahr gelungen, die Kirche und ihre Aufgaben den Menschen nahezubringen?

Das ist durchaus gelungen. Kirche ist durch das Elisabeth-Jahr und die vielfältigen Berichterstattungen in den säkularen Medien -wie beispielsweise vom MDR -in den Blick der Menschen getreten. Dabei ist deutlich geworden, dass Kirche sinnstiftend in die Gesellschaft hineinwirkt. Es geht darum, den Blick zu erweitern, von materiellen alltäglichen Dingen auf den Gotteshorizont hin.

Abschließend: Wer ist die heilige Elisabeth für Sie ganz persönlich? Was nehmen Sie mit aus diesem Jahr?

Elisabeth ist eine der sympathischsten Wegbegleiterinnen auf dem Weg der Christusnachfolge. Sie ist mir in diesem Jahr näher gerückt als eine Zeugin des Christusglaubens. Und ganz persönlich ist mir noch mehr bewusst geworden, dass wir in Glaubensdingen Gesicht zeigen müssen. Es geht nicht um die abstrakte Verkündigung von irgendwelchen Wahrheiten. Vielmehr wird in einer Biografie -auch in meiner Biografie -immer wieder deutlich, welche Rolle der Glauben in unserer Welt heute spielen kann.

Fragen: Holger Jakobi

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 46 des 57. Jahrgangs (im Jahr 2007).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Mittwoch, 14.11.2007

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