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Anstoß

Die Bibel lesen

Ermutigung oder Frust

Sr. Susanne Schneider

Kürzlich erzählte mir eine Frau, dass sie nach der Messe völlig verunsichert und verwirrt gewesen sei. Der Grund war das Evangelium, das aus harten und schroffen Befehlen Jesu bestand. "Wieso findet Jesus so harte Worte für seine Freunde? Will er sie alle vergraulen? Und wieso hören sich das heute die Christen immer noch an?" Mir tat das deswegen besonders leid, weil ich wusste, dass diese Frau neu den Kontakt zur Kirche sucht.

Es mangelt den Evangelien nicht an harten Worten: gegen die Ungläubigen, gegen diejenigen, die sich nicht an das Gesetz halten und schließlich nicht selten gegen diejenigen, die sich wirklich um ein gutes Leben bemühen.

Als Beispiel nenne ich die Stelle, in der Jesus zu seinen Jüngern sagt: "Und wenn ihr alles getan habt, was euch befohlen wurde, sollt ihr sagen: wir sind unnütze Sklaven, wir haben nur unsere Schuldigkeit getan." In dieser Bibelstelle gleicht Gott einem Sklavenhalter, der einen korrekten und guten Dienst fordert. Die Sklaven sollen von sich selbst denken, sie seien unnütz, also nichts wert. Sie dürfen nicht einmal auf ihren guten und anstrengenden Dienst, den sie klaglos ausführen, stolz sein.

Wer solche Stellen ohne Erklärung hört und auf sich wirken lässt, wird selbst hart und unbarmherzig. Und tatsächlich gibt es in der Kirche immer wieder die Gefahr, dass die Christen der "Drohbotschaft" mehr glauben als der "Frohbotschaft".

Es ist bei einem Wort Jesu entscheidend wichtig zu fragen, in welcher Situation es gesprochen wurde und was die Aussageabsicht der Bibelstelle ist.

Manchmal will Jesus trösten und heilen und zeigt sich sehr einfühlsam, wie im Gespräch mit der Samariterin. Dann wird er als weiser Lehrer dargestellt, wie in den Abschiedsreden des Johannesevangeliums. Und schließlich gibt es Stellen, da denkt man unwillkürlich: "Das ist zuviel!" oder "Das kann ich nicht!" und genau das scheint Jesus zu wollen. Er will aufrütteln und mahnen, wie im Beispiel oben oder in der Bergpredigt bei Matthäus.

Das ist eine Anfrage an uns alle: Wie gehen wir mit Bibeltexten um? Und: Haben wir Menschen, mit denen wir -zum Beispiel auf dem Heimweg von der Kirche -über das Evangelium sprechen können? Ich möchte Sie ermutigen, das Evangelium nicht wie einen Schlag in die Magengrube hinzunehmen, sondern aktiv zu werden und nach Hilfen zum Verstehen zu suchen!

Sr. Susanne Schneider, Missionarinnen Christi, Kontaktstelle Orientierung Leipzig

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 44 des 57. Jahrgangs (im Jahr 2007).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Freitag, 02.11.2007

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