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Anstoß

Schokolade bis zum Umfallen?

Selig, die das Alter ehren

Guido Erbrich

"Wenn ich älter bin, gucke ich so lange Fernsehen, wie ich möchte. Wenn ich älter werde, esse ich so viel Schokolade, wie ich kann, und mache bestimmt alles ganz anders und viel besser als die Erwachsenen. Und wenn ich Rentner bin, kann ich den ganzen Tag machen, was ich will, nicht mal Zähne putzen muss ich mehr, ich werfe sie einfach ins Glas."

So habe ich mir schon als Kind meine Vision vom Älterwerden zurechtgelegt. Älter werden -ein enormer Zuwachs an Freiheit und alle Möglichkeiten offen. Nur -warum so wenig alte Menschen mit dem Roller durch die Gegend fahren und am Klettergerüst klettern, fand ich ein wenig komisch. Irgendetwas musste es da geben, was ich als Kind nicht mitbekommen habe.

Da geht die Oma mit dem Stock, und die Treppen kommt sie kaum rauf. Opa schnauft, wenn er seine Schuhe zubindet, und manche alten Leute können richtig schrullig sein. Sie vergessen vieles und verwechseln alles Mögliche. Es musste nicht erst das Ende der Kindheit kommen, damit ich merkte: Alte Menschen haben nur andere Probleme als ich. Besser haben sie es nicht unbedingt.

Auch Ältere haben Wünsche, doch sie können sie mit ihrer Lebensweisheit garnieren, die Jüngeren oft noch fehlt. Eine solche Lebensweisheit findet sich in einem Text aus Afrika. Der Autor hat einfach die Seligpreisungen aus der Bergpredigt umgearbeitet. Das, was ich als noch nicht so Alter zu hören bekomme, macht mich dann doch bescheiden. Und lässt mich hoffen, dass ich -wenn ich in die Jahre komme -auch so gelöst und ehrlich meine Hoffnungen und Wünsche formulieren kann:

Selig, die Verständnis zeigen für unseren stolpernden Fuß und unsere lahmende Hand.

Selig, die begreifen, dass unser Ohr sich anstrengen muss, um aufzunehmen, was man zu uns spricht.

Selig, die mit freundlichem Lachen verweilen, um ein wenig mit uns zu plaudern.

Selig, die niemals sagen: "Das habt ihr mir heute schon zweimal erzählt."

Selig, die verstehen, Erinnerungen an frühere Zeiten in uns wachzurufen.

Selig, die uns erfahren lassen, dass wir geliebt, geachtet und nicht alleingelassen sind.

Selig, die uns in ihrer Güte die Tage, die uns noch bleiben, erleichtern.

Guido Erbrich, Bautzen

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 43 des 57. Jahrgangs (im Jahr 2007).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Donnerstag, 25.10.2007

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