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Anstoß

Ich möchte bleiben

Ein Prophetenwort über den Glauben

Kaplan Marko Dutzschke

"Was bedeutet glauben für euch?" Über diese Frage habe ich vor einiger Zeit mit meinen Schülern im Religionsunterricht nachgedacht. Dabei sind wir auf ein Wort des Propheten Jesaja gestoßen: "Glaubt ihr nicht, so bleibt ihr nicht" (Jes 7,9). In einem alten Kommentar finde ich als Erklärung zu dieser Stelle, dass ich mich ganz auf Gott stützen muss, um Gottes schützende Macht zu erfahren. Aber wie geht das, sich ganz auf Gott stützen?

Ich muss an ein Gespräch mit einem Jugendlichen aus Mexiko denken. Er ist für einige Zeit nach Deutschland gekommen, um zu lernen. Einer seiner ersten Wege führt ihn zur Kirchengemeinde. Er sucht Anschluss an eine christliche Jugendgruppe. So ist er es von zu Hause gewohnt. Natürlich ist er uns herzlich willkommen. Doch dann will er von mir wissen, was wir zusammen machen in der Jugend. Und ich merke, meine Antworten reichen ihm nicht aus. Nach einer Weile fragt er mich: Gibt es hier auch ein Treffen, bei dem ihr den Rosenkranz betet? Erwischt! Jugend, die sich zum Rosenkranz trifft, so etwas habe ich schon lange nicht mehr erlebt. So etwas habe ich aber auch schon lange nicht mehr probiert. Wahrscheinlich weil ich befürchte, dass es den Jugendlichen keinen Spaß macht. Möglicherweise kommt niemand mehr, wenn sich herumspricht, dass der Kaplan zu fromm ist.

Und da ist sie wieder, die Mahnung des Propheten Jesaja: "Glaubt ihr nicht, so bleibt ihr nicht." Ich habe mich um den Glauben zu sorgen. Der Pfarrer für die Gemeinde und ich für die Kinder und Jugendlichen. Es ist schon lange nicht mehr selbstverständlich, dass in Jugendgruppen der Glaube gepflegt wird. Ich bin froh, dass wir unsere Jugendstunde mit einem Gebet beginnen. Aber ich weiß auch: Das gemeinsame Gebet ist auf der Beliebtheitsskala nicht unbedingt auf dem ersten Platz. Ist die mangelnde Praxis etwa Ausdruck, dass uns der Glaube langsam verloren geht?

Sicher ist meine Befürchtung voreilig. Uns ist (noch) nicht der Glaube verloren gegangen; offenkundig aber das Bewusstsein, dass Glaube gelebt werden will. Er braucht Ausdrucksformen, damit er nicht verkümmert und dann irgendwann in der dritten oder vierten Generation ausstirbt. Das muss nicht der Rosenkranz sein, aber es ist sicher kein Fehler, diese alte Form mit Leben zu erfüllen. Denn was ist falsch daran, etwas in der Hand zu haben, an dem man sich festhalten kann, wenn die eigenen Worte nicht reichen.

Die Ausdrucksformen des Glaubens haben sich durch die Jahrhunderte hindurch immer wieder verändert. Alte Formen sind verschwunden und werden neu entdeckt, neue Formen werden gefunden und verschwinden nach einer Zeit wieder, um viel später neu gefunden zu werden. Nur auf der Suche müssen wir bleiben und nicht aufhören, Glauben zu leben. Denn wie Jesaja sagt: "Glaubt ihr nicht, so bleibt ihr nicht." Ich möchte bleiben!

Kaplan Marko Dutzschke,Cottbus

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 41 des 57. Jahrgangs (im Jahr 2007).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Donnerstag, 11.10.2007

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