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Bistum Dresden-Meißen

Nachdenken und staunen

Ökumenische Gemeindepartnerschaft wurde bereits zu DDR-Zeiten gegründet

Gruppenfoto vor dem Abflug der Partnergruppe vor dem Tower des Flughafens

Von Michael Pfeifer Leipzig. 1987 hätte man sie für Träumer halten können, die Initiatoren einer Partnerschaft, die Grenzen zwischen Ost und West und zwischen den Konfessionen überschritt. Die Partnerschaft lebt bis heute. Acht Engländer aus der Stadt Milton Keynes besuchten im September Grünauer Christen.

In der evangelischen St.-Paulus-Gemeinde und der katholischen St.-Martin-Gemeinde in Leipzig-Grünau freute man sich sehr an dem "Denkmal", das die englischen Partnergemeinden dem nunmehr zwanzigjährigen Austausch setzten. Das Geschenk selbst war allerdings nicht von Dauer, es sind zwei "Geburtstagstorten". Am Tag nach der Ankunft der Gäste aus Milton Keynes stand der ökumenische Gottesdienst "Kirche auf dem Markt" auf dem Programm. "Bei uns in England wäre so ein Gottesdienst unter freiem Himmel schon wegen des Wetters nicht möglich." So lautete ein erster Kommentar nach dem Gottesdienst auf dem Nikolaikirchhof. "... es wäre in England nicht möglich, weil es unseren Kirchen womöglich an Zuversicht fehlt", setzte ein Baptist aus Bletchley leise nach. Fragen wurden während der Begegnung viele aufgeworfen und leise Töne gingen im Gespräch nicht unter.

Das Hauptaugenmerk galt der Rolle, die Kirchbauten und andere Räume für den Glauben spielen. "Zelte und Kathedralen" lautete die von Pfarrer Matthias Möbius formulierte Überschrift. Unter anderem gab es Besuche und Gespräche im Ökumenischen Gästehaus, in der Kindertagesstätte St. Martin, im Bischöflichen Maria- Montessori-Schulzentrum und dort auch im "kleinsten Weltladen Leipzigs", ein Projekt des Schulhausmeisters Wolfgang Jahn.

Milton Keynes ist eine rasant wachsende Stadt mit einer Viertelmillion Einwohner, gelegen zwischen Oxford und Cambridge. Im Zentrum der Stadt steht eine moderne Kirche, die verschiedenen Konfessionen Heimat ist. Mit heiligen Messen an den Wochentagen und Festgottesdiensten an Wochenenden, die bei so vielen teilhabenden Gemeinden nicht selten sind, ist die zentral gelegene Kirche "Christus der Eckstein" lebendig genutzt.

Was die Leipziger Christen noch mehr erstaunen lässt, ist das Amt, das Reverend Mary Cotes bekleidet. Ein "Ecumenical Moderator" ist auch für England in diesem Format einmalig. "Eine moderne Stadt öffnet auch für die Kirchen neue Perspektiven", erklärt die sympathische und bedachte Frau. Ihr Dienst sei keine Arbeit mit klaren Konturen. Wichtig sei angesichts des unterschiedlichen Kirchen- und Amtsverständnisses der Konfessionen ein großes Einfühlungsvermögen und die Offenheit für Überraschungen aller Art.

Die Idee einer Partnerschaft über die Grenzen von Ost und West, über die Grenzen der Sprache und auch noch über Konfessionsgrenzen hinweg schien zu Beginn abenteuerlich. Von englischer Seite wurde die Idee von Clive Fowl vorangetrieben, der sich zuvor für die Versöhnung im Kalten Krieg engagiert hatte. Dem Staat DDR gegenüber wurde als verbindendes Interesse angegeben, dass Erfahrungen mit modernen Städten ins Gespräch kommen sollten: Das traf zu auf Berlin-Marzahn, Leipzig- Grünau und Milton Keynes. So erschienen im Oktober 1987 neun englische Ökumeniker für zehn Tage im Osten -und wurden herzlich aufgenommen.

Ken Harris, methodistischer Prediger im Örtchen Swanbourne schrieb vor zwanzig Jahren über seinen Blick vom Berliner Fernsehturm: "Wie eine Modellplatte erstreckt sich die Stadt vor uns ... blickt man in Richtung Westen, so wirkt die unverzeihliche Berliner Mauer nur wie ein helles Schleifchen, das um die Stadt gebunden ist. Auf dem Boden ist sie ein unüberwindliches Hindernis -aber vom Himmel aus ist sie ein Bändchen, dass darauf wartet zerschnitten zu werden ..."

Gwen Green und Ken Harris, zwei der Besucher aus der ersten Gruppe, sind nun wieder in Leipzig gewesen. Auch diesmal standen Berlin und Dresden auf ihrem Programm: Die Versöhnungskirche an der Bernauer Straße ließ sie innehalten und in Dresden war die Frauenkirche Anlass zu nachdenklicher Stille.

Eine Einladung für nächstes Jahr hat Pfarrer Matthias Möbius von der evangelischen Paulus-Gemeinde schon für deren 25. Kirchweihfest ausgesprochen. Im Gegenzug sind die Leipziger für 2009 wieder nach England eingeladen. Die verheißungsvolle Suche nach Übereinstimmung im Glauben geht weiter ...

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 40 des 57. Jahrgangs (im Jahr 2007).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Donnerstag, 04.10.2007

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