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Bistum Görlitz

"Es ist Zeit, sich zu erinnern"

Herbert Kolloch entwarf in der DDR Plakate für kirchliche Schaukästen

H. Kolloch bei der Vorbesprechung zur Ausstellung mit Pfarrer Dr. Alfred Hoffmann

Görlitz (as). In der DDR scheute die Kirche die Öffentlichkeit wie der Teufel das Weihwasser -aus guten Gründen, denn die SED war stets darauf bedacht, die Christen für sich zu gewinnen. Nach außen sendeten die Christen dennoch stille, aber deutliche Signale.

Herbert Kolloch erinnert sich genau, wie seine Werke entstanden sind. Und jedes Plakat, das er entworfen hat, ist ein Stück von ihm selbst -und ein einmaliges Zeitzeugnis. Denn mit Medien, welcher Art auch immer, sind die Christen in der DDR sparsam umgegangen. Aufzeichnungen wurden selten gemacht, Chroniken heimlich im Hinterzimmer geschrieben, um sich nicht selbst und andere zu gefährden. Die Augen der Diktatur waren überall. Das einzige, was den Christen oft blieb, um sich bemerkbar zu machen, waren die Schaukästen. Damit haben sie ihre leisen Signale ausgesendet. "Aber selbst die Scheiben der Schaukästen wurden oft genug eingeschmissen", erzählt Kolloch.

Das hat ihn nicht davon abgehalten, kreativ zu sein. Rund 60 Plakate für kirchliche Schaukästen sind seit den 1950er Jahren entstanden. Ab 16. September sind sie in einer Ausstellung in der Görlitzer Heilig-Kreuz-Gemeinde zu sehen. Herbert Kolloch will nicht nur den Blick zurückwerfen, sondern anregen, das Plakat auch im Zeitalter medialer Überforderung zu nutzen -seine Botschaften sind kurz, aber einprägsam.

Die Idee, die Arbeiten einem breiteren Publikum bekannt zu machen, kommt eigentlich aus einer negativen Erfahrung heraus, gibt der Künstler unumwunden zu. Viele Westdeutsche, die nach der Wende in die frühere DDR gekommen seien, hätten sich so aufgeführt, als ob alle treue Anhänger des SED-Staates gewesen wären. Dagegen wollte er, der wie seine Frau Christa aus Schlesien stammt, etwas tun. "Es ist Zeit, sich zu erinnen".

Das Plakat sei ein Mittel gewesen, um aufzurütteln, nachdenklich zu machen und auch zu protestieren. Kollochs Werke sind herausfordernd, nicht aggressiv, wie ihm manchmal vorgeworfen wurde. Aber immer politisch brisant. Eins zeigt einen "sozialistischen Arbeiter", der dazu auffordert mal eine Pause zu machen und zu beten -natürlich ernst gemeint, gleichzeitig eine charmante Persiflage auf die kommunistische Plakat- und Parolenkultur, der die Bürger der DDR nie glaubten.

Die Themen sind vielfältig: Erziehung, Ehe und Familie, Gebet, Sterben und Tod, Abtreibung, Lebenssinn. Kolloch, den es nach dem Krieg nach Görlitz verschlug und der später mit seiner Frau ein Altersheim im Bistum Berlin leitete, experimentiert, probiert aus, geht an die Grenzen des Formalen und Inhaltlichen -und entwickelt somit eine Plakatkunst, die in der DDR-Mangelwirtschaft mit den einfachsten Mitteln auskommt, aber dennoch von verblüffender gestalterischer Präzision ist. "Sind betende Menschen weltfremd?", fragt ein Plakat und zeigt einen Arzt, der vor der Operation die Hände faltet. Kolloch will Zeitgenossen erreichen, die einfach nur vorübergehen "Viele Menschen, die schon längst nicht mehr in die Kirche kommen, werden durch diese Kontaktmittel angesprochen." Dies sei heute so wichtig und aktuell wie damals. Der Schaukasten ist deshalb das Aushängeschild einer Gemeinde, ihre Visitenkarte oder die Einladung an Fremde. "Vermeldungen gehören da nicht rein." Herbert Kolloch bietet daher an, die Ausstellung auch einmal in die eigene Gemeinde zu holen oder einzelne Plakate zu zeigen.

Der Künstler empfindet Dankbarkeit. Dank für den damaligen Kaplan von Heilig Kreuz, Nikolaus Trzewik, der ihn zu dieser Arbeit anregte, oder für Heribert Wenzel, der in den Anfangsjahren die Fotos reproduzierte. Seine Frau Christa habe die Arbeiten immer mit einem "kritischen Blick" begleitet. Wenn Herbert Kolloch mit seinen Arbeiten eins erreichen wollte, dann dies, dass der Mensch auf seine Fragen eine Antwort findet. Nicht durch abschreckende Propaganda, sondern durch psychologisches Gespür.

Den herausfordernden Werken als geistig-geistliche Antwort auf das politische Umfeld, folgt später eine zunehmende Innerlichkeit. Als Rentner -angeregt durch die Schriften des Karmeliten Reinhard Körner -schuf er den Zyklus "Vater unser", der ebenfalls in der Ausstellung zu sehen ist.

Ausstellung "Glaube im DDRAlltag", Gemeinde Heilig Kreuz Görlitz, geöffnet montags bis freitags 9 bis 12 Uhr und nach Absprache, Tel. 0 35 81/40 67 30

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 37 des 57. Jahrgangs (im Jahr 2007).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Mittwoch, 12.09.2007

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