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Anstoß

Leben -Schritt für Schritt

Gott mutet uns den nächsten Schritt zu

Ich sitze im Hausflur und putze meine Wanderschuhe, bevor sie bis zum nächsten Urlaub eingemottet werden. Die Sommerferien sind vorbei und draußen kündigt ein grauer Vormittag den kommenden Herbst an. Mit drei Freunden war ich auf einer Hüttenwanderung. Während ich die Schuhe bürste, lasse ich die Tage in den Alpen Revue passieren. Bei einem kurzen Gespräch auf dem Weg bleibe ich hängen. Mit dem Blick auf den nächsten Berg sagte einer meiner Freunde: "Krass, man sieht nie, wo der Weg langgeht." Und er hat Recht, schon nach wenigen Metern ist der Weg im steilen Geröllfeld verschwunden. Aber er ist immer noch da, irgendwo hinter den Steinen. Mit jedem Schritt geht es weiter, kommt eine neue Markierung oder ein sorgfältig geschichteter Steinhaufen in Sicht.

Warum geht mir diese Bemerkung nicht mehr aus dem Kopf? Wahrscheinlich, weil sie so gut zu unserem Leben passt. Das ganze Leben ist wie eine Tour durch die Berge; wir sehen nur selten mehr als die nächsten paar Schritte deutlich vor uns. Wir können eine Richtung einschlagen, Pläne machen, Vorstellungen haben, aber gehen müssen wir unseren Lebensweg Schritt für Schritt. Und mit jedem neuen Schritt wird ein Stück des Weges sichtbar, den wir an seinem Ende unser Leben nennen. So gesehen ist zu leben wie mit einer Taschenlampe in die Nacht zu leuchten. Was weiter weg ist, verschwindet in der Dunkelheit. Ist das ungerecht oder gar unfair? Nein! Wie oft haben wir schon gesagt: "Hätte ich das vorher gewusst?" Dann hätten wir die Finger davon gelassen und wären stehen geblieben, weil die Angst vor Herausforderungen lähmt. Schritt für Schritt können wir das Leben annehmen. Von einem Schritt zum nächsten reichen unsere Kräfte.

Mit dieser Sicht sind wir biblisch gesehen in guter Gesellschaft. Der Stammvater Abraham hat sich aufgrund einer Verheißung auf den Weg gemacht. Er konnte nicht ahnen, welche Herausforderungen dieser Weg mit sich bringen würde. Oder nehmen wir den Völkerapostel Paulus. Seine Berufung vor Damaskus war nur ein erster Schritt. Ich bezweifle, dass er seine Reisen, seine Gefangenschaft und seinen gewaltsamen Tod vorausgesehen hat. Gott hat ihm den Auftrag seines Lebens Stück für Stück zugemutet. Es passt, was wir im Jugendlied singen: "Lass uns Schritt für Schritt auf deinen Wegen gehen, lass uns Tag für Tag dich immer mehr verstehen." Gott mutet uns immer nur den nächsten Schritt zu und verlangt nicht mehr als das Vertrauen in den Weg, den er uns zeigen wird, wenn es soweit ist. Schritt für Schritt dürfen wir unseren Lebensweg gehen. Inzwischen bin ich fertig mit meinen Schuhen, verstaue sie im Schrank und freue mich auf den nächsten Schritt.

Kaplan Marko Dutzschke, Cottbus

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 36 des 57. Jahrgangs (im Jahr 2007).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Donnerstag, 06.09.2007

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