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"Felix ist mein kleiner Liebling"

Anna Elsner betreut geistig behinderte Kinder in Neuzelle

Gemeinsam Teig ausrollen. Neuzelle (kh) - Im Schlafanzug sitzt der neunjährige Felix (Namen aller Kinder von der Redaktion geändert) bei Anna auf dem Schoß. Plötzlich legt er beide Arme um ihren Hals. "Du bist so ein besonderer Knuddelbär", sagt die junge Frau und fasst mit dem Zeigefinger vorsichtig ins rechte Auge des Jungen, als wolle sie ihm das letzte Sandmännchen vom Mittagsschlaf herausnehmen.
Die beiden kennen sich nun schon fast ein Jahr. Seit September hilft Anna Elsner im St.-Florian-Stift in Neuzelle mit, ebenso wie drei andere junge Frauen. Felix ist eines von sieben geistig behinderten Kindern, die die Görlitzerin während ihres Freiwilligen Sozialen Jahres hauptsächlich betreut.
"Eigentlich wollte ich mit gesunden Kindern arbeiten", sagt die 19-Jährige. "Wobei - die Kinder hier sind ja nicht krank", fügt sie schnell hinzu. Als es mit dem gewünschten Platz in einem Kinderhaus nicht klappte, schaute sie sich doch die Neuzeller Einrichtung an. Und schon beim ersten Besuch änderte sich ihre Einstellung zur Arbeit mit Behinderten: "Vorher habe ich gedacht: Oje, ich und behinderte Kinder? Das wird bestimmt nichts!", erinnert sich Anna. Doch dann habe sie ein Mädchen gleich an der Hand genommen und durchs Haus geführt. Von da an stand für die Abiturientin fest: "Hier mache ich mein Freiwilliges Soziales Jahr."
Seit 1992 bietet die Caritas im Bistum Görlitz jungen Frauen zwischen 16 und 27 Jahren diesen Freiwilligendienst an. Im laufenden Jahr gibt es 44 Helfe-rinnen. Sie arbeiten überwiegend in Kindertagesstätten, Krankenhäusern, Altenpflegeheimen und Sozialstationen. Wegen wachsender Nachfrage in den Einrichtungen sei es möglich geworden, die Zahl der Plätze ab Herbst um gut ein Viertel auf 60 zu erhöhen, erläutert Wolfgang Krauß, der beim Caritasverband der Diözese Görlitz für das Freiwillige Soziale Jahr zuständig ist.

Die Gründe, warum sich Schulabgängerinnen für einen solchen Einsatz entscheiden, sind vielfältig: Oft möchten sie die Wartezeit überbrücken, bis sie einen Studienplatz erhalten oder eine Lehrstelle finden. Abiturientinnen sehen das Jahr häufig als Möglichkeit, sich beruflich zu orientieren, sagt Krauß.

Anna Elsner zum Beispiel wollte für sich herausfinden, ob ihr der Umgang mit Kindern wirklich liegt. Dass dem so ist, hat sie in den vergangenen zwölf Monaten immer wieder gespürt: "Ich komme hier super zurecht - mit den Kindern und mit den anderen Erzieherinnen. Ich bin, glaube ich, geduldiger geworden und habe gemerkt, dass ich für eine Gruppe Verantwortung übernehmen kann."

Dennoch kennt Anna auch weniger schöne Momente: "Manchmal rastet eines der Kinder aus, wirft beim Abtrocknen mit Geschirr oder schlägt um sich, kratzt und brüllt. Dann werden die anderen auch unruhig oder bekommen Angst." In solchen Situationen mache es ihr keinen Spaß, die behinderten Jungen und Mädchen zu betreuen, gibt Anna zu. Ihr ist aber bewusst, dass diese Kinder gerade auch wegen eines solchen Verhaltens im St.-Florian-Stift sind.

Außerdem hat Anna feststellen können, dass sie vieles mit anderen Kindern gemeinsam haben: "Sie freuen sich über winzige Kleinigkeiten, zum Beispiel über einen Luftballon oder einen Käfer, den sie auf dem Spielplatz entdecken." Anna zieht daraus den Schluss: "Behinderte Kinder unterscheiden sich nicht viel von anderen. Sie sind nur anstrengender." Kaum hat sie das gesagt, geht Felix zu der kleinen Kommode im Flur und reißt den Vorhang unter dem Aquarium herunter.

Inzwischen ist es drei Uhr nachmittags. Einige der älteren Kinder aus Annas Gruppe haben den Tisch fürs Kaffeetrinken gedeckt. Auch die hauptberufliche Betreuerin für diesen Nachmittag ist gekommen. Bevor es ans Essen geht, bindet Anna Felix und der 13-jährigen Stefanie noch ihre Lätzchen um und versucht den zehnjährigen Tobias zu überreden, seinen Tee zu trinken. Zwischendurch gibt sie Felix ein Stück Kuchen in die Hand und tunkt Stefanies Löffel in das Schälchen mit roter Grütze. Zum Mund führen kann sie ihn dann allein.

Wenn alle fertig sind, geht es an den Abwasch. Drei Kinder sollen ihn gemeinsam übernehmen. Doch Tobias legt plötzlich sein Geschirrtuch zur Seite, läuft auf Anna zu, sagt "A, a!" und zerrt sie Richtung Toilette. Dort stellt sich aber heraus, dass er eigentlich gar nicht muss. Damit die Kinder ihre Betreuerinnen nicht öfters mal austricksen, führen diese genau Buch, wann wer Stuhlgang hatte oder wann sie wem die Nägel geschnitten oder die Haare gewaschen haben.

Mittlerweile hat sich die Wohnküche in eine kleine Werkstatt verwandelt: Die meisten Jungen und Mädchen fertigen blattförmige Schalen aus Ton. Anna hilft ihnen dabei. Nur Felix und Stefanie machen nicht mit. Stefanie liegt auf dem Sofa und döst scheinbar vor sich hin. Felix sitzt vor einer Wassersäule und beobachtet die Bewegungen der Luftblasen. Anna passt auf, dass er keine Erde aus dem Blumentopf daneben isst. Im Nikolaushaus, dem Heim für die jüngsten Bewohner, auf Zimmerpflanzen zu verzichten, wäre keine Lösung, erklärt sie, weil die Kinder in anderen Wohnungen damit in Kontakt kämen. Sie müssten lernen: "Das sind Blumen. Die lässt man stehen."

Wenn die Gruppe nachmittags nicht drinnen bleibt, stehen Spaziergänge, Ausflüge oder ein Fest im Garten auf dem Programm. Auch eine Schnitzeljagd durch Neuzelle und ein Zeltlager mit Lagerfeuer hat es schon gegeben. Ansonsten kümmern sich die Betreuerinnen um die Wäsche, vereinbaren Arzttermine oder saugen zusammen mit den Jungen und Mädchen den Teppichboden in ihren Zimmern. Was ihr nach dem Freiwilligen Sozialen Jahr am meisten fehlen werde, glaubt Anna, sei dieses Mitleben mit den Kindern. Und natürlich Felix: "Das ist mein kleiner Liebling."

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 34 des 51. Jahrgangs (im Jahr 2001).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Freitag, 31.08.2001

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