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Anstoß

Unsichtbar / Sichtbar

Gedanken beim Unterwegs-Sein

Susanne Schneider

Auf den Straßen in Leipzig begegnen einem selten Menschen, deren Kleidung ihren Beruf oder ihren Lebensstand verrät: ab und zu eine Frau mit einem Kostüm oder ein Mann mit einem teuren Anzug und Krawatte -vielleicht Leute, die bei einer Bank arbeiten. Dann gibt es die Uniformen der Leipziger Verkehrsbetriebe (LVB) oder die blau-gelben Engel, die in dieser Kleidung, mit langen Zangen ausgerüstet, den Schmutz von Straßenbahnhaltestellen und aus Grünanlagen wegschaffen.

Auch Menschen, die aus religiösen Motiven gekleidet sind, sieht man selten. Die Priester tragen nur noch zu besonderen Anlässen Soutanen und wenn sich eine Ordensfrau mit Schleier und Gewand in Leipzig zeigt, wird sie neugierig bestaunt.

Auch die "normalen" Christen erleben sich oft optisch ununterschieden von den anderen und damit in der Vereinzelung: Weit und breit ist in der Nachbarschaft kein Mitglied der eigenen Kirchgemeinde und wenn doch, dann ist es ein glücklicher Zufall. Die Zeiten, in denen man bei Kirchentagen oder bei Wallfahrten in der Masse untertauchen konnte und das Gefühl genoss: "Wir sind viele!" sind vorbei.

Das optische Verschwinden der Priester und Ordensleute und die Anonymität der übrigen Christen im heutigen öffentlichen Leben ist nicht nur ein Substanz- oder Identitätsverlust -diese Situation beinhaltet auch Chancen. Zunächst einmal nützt es nichts, vergangenen, vermeintlich besseren Zeiten nachzutrauern. Vielleicht kann uns vereinzelten Christen diese Situation klar vor Augen führen, dass wir als Einzelne berufen sind und als unverwechselbare Persönlichkeit in unserer einmaligen Identität vor Gott stehen.

Vielleicht spüren wir heute das Bibelwort sehr deutlich, dass die Christen "in dieser Welt", aber nicht "von dieser Welt" sind. Wir sind Teil unserer Gesellschaft. Und dennoch fühlen sich viele Christen in dieser Gesellschaft manchmal allein. Nicht nur am Sonntagmorgen, auch insgesamt möchten wir nicht jede Mode mitmachen und können über manche Entwicklung nur den Kopf schütteln.

Als Glaubende haben wir die Beziehung zu Gott als das tragende Fundament unseres Lebens kennengelernt. Dieses Glück fehlt vielen Menschen. Wir unterscheiden uns von ihnen und sind ihnen doch in vielen Bereichen so nahe, weil wir ihre Welt teilen. "Als Bettler, die wissen, wo es Brot gibt", (Wanke) haben wir die schöne und herausfordernde Aufgabe, besonders denen nahe zu sein, die eine Orientierung erst suchen.

Sr. Susanne Schneider.
Missionarinnen Christi,
Kontaktstelle Orientierung Leipzig

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 33 des 57. Jahrgangs (im Jahr 2007).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Donnerstag, 16.08.2007

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