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Anstoß

Zuschauer sein genügt nicht

Der Dalai Lama

Kaplan Marko Dutzschke

Der Dalai Lama ist wieder einmal in Deutschland. Er spricht über den Weg zur Erleuchtung und erinnert an die geistige Not in seiner Heimat Tibet. Der freundliche alte Mann im Gewand eines Mönches ist beliebt. Seine Heiligkeit kommt aus einer anderen Welt und schon darum ist er ein interessanter Gast. Glaubt man den Medien und ihren Umfragen, steht der 14. Dalai Lama bei den Deutschen höher im Kurs als Papst Benedikt XVI.

Doch im Grunde haben beide "Heiligkeiten" ein Problem. Der Dalai Lama wird bejubelt und viele Menschen hören ihm gern zu. Wenn der Papst kommt, stehen Tausende an den Straßen; was er sagt, wird gehört und er bekommt Auszeichnungen für seine gewandten Vorträge. Und doch gehen viele nach Hause, als wäre nichts geschehen.

Mir kommt der Titel eines Buches von Michel Quoist aus den 80er Jahren in den Sinn "Zuschauer sein genügt nicht." Viele Menschen erkennen den Anspruch nicht, den beide vertreten. Der eine spricht als geistiges Oberhaupt der katholischen Kirche und der andere als geistiger Führer des Buddhismus. Beiden geht es darum, Menschen auf den Weg des Glaubens zu locken und Gläubige in ihrem Glauben zu bestärken. Zuschauer bleiben außen vor und gehen nach der Sensation nach Hause.

Genauso tritt der 14. Dalai Lama mit einem Anspruch auf, wenn er als Oberhaupt der tibetischen Exilregierung die Großen der Welt um Hilfe für seine Heimat bittet. Solange die Staaten Zuschauer bleiben, braucht sich die Volksrepublik China keine Sorgen machen. So lange kann sie ihren Kurs fortsetzen und im Namen des Fortschritts die Religion Tibets vernichten.

Bis jetzt hat es der Dalai Lama verstanden, die Kultur und den Glauben seines Volkes auch im Exil lebendig zu halten. Alle Versuche der chinesischen Regierung, den Buddhismus zu schwächen, sind fehlgeschlagen. Das tibetische Volk hat seinen Glauben bewahrt. Obwohl es verboten ist, tragen viele das Bild des 14. Dalai Lama bei sich wie eine Reliquie.

Vielleicht wäre die Volksrepublik in den Staaten Europas erfolgreicher. Hier muss sie nicht mit Gewalt gegen die Religion kämpfen, denn die Bindung an Religion und Glaube nimmt immer mehr ab. Es ist richtig, wenn der Glaube nicht mehr missbraucht wird, um Kriege oder überkommene Gesellschaftsformen zu rechtfertigen. Aber es ist ein verhängnisvoller Fehler, wenn das Wissen verloren geht, dass wir unser Leben nicht nur vor uns selber sondern vor einem Gott zu verantworten haben, von dem wir Christen bekennen, dass er uns in Jesus Christus persönlich begegnet.

Kaplan Marko Dutzschke,
Görlitz

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 31 des 57. Jahrgangs (im Jahr 2007).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Donnerstag, 02.08.2007

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