Jetzt 4 Wochen kostenfrei Tag des Herrn lesen!
Anstoß

Nachtgespräche

Erfahrungen mit einer besonderen Kraftquelle

Angela Degenhardt

Ich liebe lange nächtliche Gespräche zu zweit, zu dritt, in kleiner Runde. Umgeben von der Stille der Nacht, geborgen in der Dunkelheit, Licht nur da, wo wir sind, ganz konzentriert aufeinander und das Gespräch. Es gibt diese Gelegenheiten nicht allzu oft und meist nur mit wenigen, ganz bestimmten Menschen.

Manchmal werden solche Gespräche zu Sternstunden, Zeiten der Erkenntnis -auch meiner selbst. Es kommen Fragen ins Gespräch, denen wir sonst ausweichen oder die eben zwischen Tür und Angel nicht zu klären sind, wenn wir denn überhaupt eine Antwort auf sie kennen. Es sind Gespräche, die herausfordern. Hier komme ich nicht mit oberfl ächlichen Antworten davon und kann auch mich selbst nicht damit zufrieden geben. Sie sind sehr persönlich solche Gespräche und sie bringen mich vorwärts, machen mir Mut, mich den Licht- und Schattenseiten meines Lebens zu stellen.

Vielleicht scheuen wir mit manchen dort gestellten Fragen das Tageslicht, weil die Antworten einen geschützten Raum und viel Vertrauen brauchen, weil sie zerbrechlich sind und nach Worten suchen, die immer auch noch im Wachsen sind.

Ich liebe Nachtgespräche, weil sie für mich auch Orte der Gottesbegegnung sind. Wenn wir nicht wagen, ihn ins Spiel zu bringen, bringt er sich ins Spiel, wird Geist und Seele des Gesprächs -und manchmal Antwort. Solche nächtlichen Gespräche sind eine meiner Kraftquellen, gerade weil ich in diesem Raum Antwortversuche ins Wort bringen kann -und erfahre, wie das ausgesprochene Wort verändernd auf mich zurückwirkt.

Ich denke jede und jeder kennt solche "Nachtstunden", selbst wenn sie vielleicht nicht immer nachts stattfi nden. So stelle ich mir vor, hat sich vielleicht auch Nikodemus in seinen nächtlichen Gesprächen mit Jesus gefühlt -absolut angenommen und ernstgenommen mit den vielen Gedanken in sich, mit denen er fürchtete, im Tageslicht nicht zu bestehen. Und ich glaube, er ist wie wir, ermutigt und gelassener in den Morgen gegangen -trotz des Wissens, dass er übermorgen von Neuem zweifeln und fragen wird und dass er bald wieder auf zwei Schritte vor einen zurück geht.

Ich wünsche Ihnen solche Nikodemusgespräche und zwar in beiden Rollen: als Nikodemus, der eine Adresse für seine Fragen hat (eine bessere gibt es nicht!), aber auch dass Sie -wie Jesus -Zuhörende sind, dass Ihnen jemand eine Antwort zutraut -nachts oder tags, wann immer Ihre Zeit ist.

Angela Degenhardt,
Gemeindereferentin in Halle

PS: Sommernächte sind gut geeignet.

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 27 des 57. Jahrgangs (im Jahr 2007).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Sonntag, 08.07.2007

Aktuelle Buchtipps