Jetzt 4 Wochen kostenfrei Tag des Herrn lesen!
Anstoß

Der nichtige Gott

Die Schwierigkeit, von Gott zu sprechen

Susanne Schneider

Viele Menschen sind unzufrieden mit der Art, wie in den Kirchen vom göttlichen Geheimnis, von der absoluten Transzendenz, von Gott gesprochen wird. Und tatsächlich wirkt die religiöse Rede oft banal und belanglos und deshalb hat man nicht selten den Eindruck, sie verfehle völlig ihren Gegenstand. Denn wenn es einen Gott gibt, dann muss die richtige Rede über ihn die Menschen treffen und berühren und bewegen. Gott muss größer sein als unser Herz, unser Bauch und unser Verstand.

Dennoch stellen sich fast alle Religionen Gott irgendwie menschenähnlich vor. Man geht zum Beispiel davon aus, dass die Gottheit oder die Götter in Not angerufen und um Hilfe gebeten werden können. Die Götter handeln wie die Menschen -zum Beispiel in der griechischen oder römischen Tradition. Ähnlich im Judentum, Christentum und Islam. Der Hinduismus kennt viele Götter, der Buddhismus dagegen ist sehr vorsichtig mit dem Begriff Gott und definiert das Mysterium selbst als das Nichts und das Namenlose, dem alles entspringt.

Dieser Sehnsucht nach dem nichtigen Gott kommt die christliche Rede vom dreifaltigen Gott entgegen: Endlich einmal kein genaues Schulbuchwissen, sondern Unsicherheit und Verlegenheit, wie man mit diesem unfassbaren Gott umgehen soll. Besonders die Rede von Gott als Geist kann in eine heilsame Unruhe stürzen, denn auch die Kirchen wissen nicht genau Bescheid, schließlich weht der Geist, "wo er will".

Diese Rede vom je größeren und unbegreiflichen Gott ist im Christentum etwas zu kurz gekommen. Eigentlich ist das schade, denn sowohl die Bibel als auch eine solide Theologie hüten sich, platte Aussagen von Gott zu machen. Die Bibel spricht in Bildern von Gott: Gott als Licht, Burg, der gute Hirte. Und die Theologie sagt, dass jede Aussage über Gott ihm unähnlicher ist als ähnlich. Auch die Liturgie weiß sehr wohl, dass Gott sich nicht begrifflich fassen lässt. Sie vertraut deshalb neben dem Wort auf Zeichen, wie zum Beispiel Weihrauch, Kerzen oder Musik, um in Symbolen eine Ahnung vom Unfassbaren zu vermitteln.

Die Vorstellung von Gott als dem je-größeren oder auch als dem "nichtigen", kann unsere Beschränktheit aufbrechen und uns neugierig machen auf den unfassbaren Gott jenseits unserer Bilder, der uns nahe ist, sich aber nicht benutzen lässt.

Schwester Susanne Schneider,
Kontaktstelle Orientierung Leipzig

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 25 des 57. Jahrgangs (im Jahr 2007).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Donnerstag, 21.06.2007

Aktuelle Buchtipps