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Anstoß

Was wichtig ist

Haben Sie schon einmal einen Nobelpreis bekommen ?

Guido Erbrich

Stellen Sie sich einmal vor, sie bekommen einen Anruf aus Stockholm. Eine seriöse Stimme teilt Ihnen mit, dass Sie den Nobelpreis bekommen. Sie zwicken sich ins linke Ohr -nein, sie schlafen nicht. Sie schauen auf den Kalender -es ist nicht der erste April. Und draußen vor dem Haus steht auch nicht irgendein bekanntes Fernsehgesicht und wird Sie gleich fragen, ob Sie Spaß verstehen. Gehen wir mal davon aus, mit diesem Anruf hat alles seine Richtigkeit. Wie reagieren Sie?

Vermutlich werden Sie sich freuen, nach Ihrem Jubelschrei im Keller nach einer Flasche Sekt suchen und erst einmal den Korken knallen lassen. Irgendwas in der Art jedenfalls. So reagieren Wissenschaftler normalerweise auf die Verleihung des Nobelpreises -zumal der Anruf aus Stockholm für die meisten überraschend kommt.

Ganz anders die Reaktion von Yves Chauvin, der vor zwei Jahren den Nobelpreis für Chemie zugesprochen bekam. "Mir ist dieser Preis ausgesprochen peinlich", sagte der 74-Jährige, "Meine Entdeckungen sind schon 40 Jahre alt, und ich bin ein alter Mann."

Als Reporter an seiner Wohnungtür klingelten, hatte der Chemiker zunächst versucht, sie abzuwimmeln. Erst nach langen Diskussionen ließ er sie für wenige Minuten in seine Wohnung. "Es brauchte 30 Jahre Laborarbeit, um zu beweisen, dass meine Erkenntnisse interessant sind", sagte Chauvin. "Ich lebe heute allein, und meine ersten Gedanken sind bei meiner Frau, die vor einem Jahr verstorben ist."

"Es ist nicht das Geld, das mir etwas bedeutet. Ich weiß nicht einmal, wie viel ich bekommen werde. Ich hatte ein ruhiges Leben, und jetzt muss ich sehen, dass das nicht länger der Fall ist."

Ich kenne Yves Chauvin nicht näher, aber etwas an seiner Sicht auf die bedeutendste Auszeichnung der Welt finde ich ziemlich faszinierend. Das Leben findet auch außerhalb von bedeutenden Ehrungen statt. Dabei scheint ihm das, was andere über ihn denken, nicht allzu viel auszumachen. Von Lob und Anerkennung ist er nicht sonderlich beeindruckt. Das unterscheidet ihn sicher von den meisten seiner Zeitgenossen. Wichtiger waren ihm die Gedanken an seine verstorbene Frau. Hätte er anders reagiert, wenn sie noch am Leben wäre? Ist der Preis zu spät gekommen, weil er die Freude darüber mit dem wichtigsten Menschen in seinem Leben nicht teilen konnte?

Auszeichnungen sind für die Bedeutung des eigenen Lebens nicht wirklich wichtig. Sie sind sicher etwas Schönes, und natürlich ist es nichts Falsches sich darüber zu freuen.

Also lassen Sie ruhig die Korken knallen, wenn Sie der Nobelpreis ereilen sollte, aber vergessen Sie nicht: Gott hat es so eingerichtet, dass die wirklich wichtigen Dinge im Leben auch so geschehen. Ob ein Anruf aus Stockholm kommt oder nicht.

Guido Erbrich,
Bautzen

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 24 des 57. Jahrgangs (im Jahr 2007).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Donnerstag, 14.06.2007

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