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Der Charme des 19. Jahrhunderts

Unterwegs auf der Alleenstraße: Im anhaltinischen Nienburg

Mit der Kutsche über die Ruhe, Beschaulichkeit und der "Charme des 19. Jahrhunderts", wie der Historiker Golo Mann es einmal formulierte, erwarten den Reisenden auf der Deutschen Alleenstraße. Für manch einen Zeitgenossen gibt es nichts Schöneres als durch eine Allee mit einem geschlossenen Blätterdach zu chauffieren. Hier hat er reichlich Gelegenheit dazu. Mit rund 2500 Kilometern gehört die Deutsche Alleenstraße zu den längsten Touristenstraßen Deutschlands. Die Route verbindet die schönsten Landschafts- und Kulturräume miteinander. Das "grüne Band" führt von der Insel Rügen durch die Seenlandschaften Mecklenburg-Vorpommerns, durch Brandenburg und Berlin, vorbei an Kulturstädten wie Dresden und Goslar. An den Rheinufern nähert man sich Karlsruhe und über den Schwarzwald schließlich dem Bodensee.
Die Allenstraße eröffnet dem Betrachter eine nahezu unerschöpfliche Vielfalt von Eindrücken: Ursprünglich gebliebene Wälder, Baumveteranen, kristallklare Seen, eine unberührte Natur- und Pflanzenwelt. Im Gegensatz zu anderen Touristenstraßen sind aber nicht nur die Highlights an der Strecke interessant. Die Alleen selbst sind kulturelle und historisch wertvolle Sehenswürdigkeiten. In den 50er Jahren waren die meisten Alleen in den großen Industrieländern ein verkehrspolitisches Problem. Sie wurden unwiederbringlich abgeholzt. Heute trauert man darum und reagiert um so erfreuter, wenn man die Bestände in den neuen Bundesländern entdeckt.
In Sachsen-Anhalt führt die Alleenstraße von Straach über Coswig und Wörlitz nach Dessau und Köthen, von dort aus weiter nach Nienburg und Stassfurt in Richtung Halberstadt. Sachsen-Anhalt bietet eine ausgesprochene Vielfalt und darf als touristischer Geheimtipp gelten: Sehenswert sind die Wälder und Felsklippen des Harzes, die Flusstäler der Saale, Unstrut und Bode, die kulturreichen Städte mit ihren alten Gassen, Domen und Kirchen und die Schlösser und Burgen, um die sich Legenden ranken. Ein fruchtbarer Boden und Fleiß haben den Bürgern dieses Landes einst zu Wohlstand und Ansehen verholfen.

So berichtet der romantische Dichter Georg Philipp Friedrich Freiherr von Hardenberg (1722 bis 1801), - besser bekannt unter dem Namen Novalis - über diesen Landstrich: "Die Ökonomie ist hier überall sehr gut beschaffen, man sieht nichts als reiche Felder und Wiesen, viel Roggen und besonders Rüben und eine Menge Obst. Die Brache (Umpflügen des Feldes nach der Ernte - d. Red.) ist ganz abgeschafft, da der gute Boden jährlich des Landsmann Mühn mit Wucher belohnen kann."

An der Mündung der Bode in die Saale liegt die Kleinstadt Nienburg. Hier treffen gleich drei Ferienstraßen aufeinander: Die Straße der Romanik, die Alleenstraße und der Saale-Radwanderweg. Die Klosterkirche St. Marien und St. Cyprian der Benediktiner über dem linken Ufer der Bode vermittelt einen Eindruck von der Bedeutung des Ortes im Mittelalter. Erzbischof Gero von Köln und Markgraf Thietmar I. von Meißen gründeten im Jahre 970 zwischen Gernrode und Harzgerode das Kloster Thankmarsfelde. Der Ort war den Mönchen wohl zu unwirtlich, zu rauh und zu unbequem und so verlegte Otto II. die Abtei 975 nach Nienburg. Das Kloster wurde mit großzügigen kaiserlichen Schenkungen bedacht und damit auch wirtschaftlich im neuen Ort verankert. 1166 wurde das Kloster Nienburg dem Erzbistum Magdeburg unterstellt. Der Ort protestierte dagegen und versuchte, den Konflikt mit Hilfe des Papstes zu lösen. Alle diese Anstrengungen aber blieben erfolglos. Nienburgs Bedeutung und einflussreiche Stellung schwanden im 13. und 14. Jahrhundert. Das Kloster trat 1456 der Bursfelder Kongregation bei. Große Schäden erlitt es im Bauenerkrieg. Im Jahre 1552 erfolgte die Aufhebung der Bendiktinerabtei durch das fürstliche Haus Anhalt.

Katholisches Leben entwickelte sich hier erst wieder am Beginn der Industrialisierung. Nach einer Volkszählung vom 3. Dezember 1867 für das Land Anhalt gab es in Nienburg 98 Katholiken. Mit Beginn des Zweiten Weltkrieges kommen Flüchtlinge aus dem Saarland nach Nienburg. Gegen Ende des Krieges wächst die Gemeinde durch die Flüchtlingsströme aus dem Osten Deutschlands auf über 3000 an, eine selbstständige Pfarrvikarie wird errichtet. Heute werden auch die umliegenden Dörfer von Nienburg aus mit betreut. Die Klosterkirche wird von der evangelischen und katholischen Gemeinde gemeinsam genutzt.

Auf mächtigen Sandsteinfelsen erhebt sich über den östlichen Ufern des unteren Saaletales das Schloss Bernburg. Novalis erwähnt die reizvolle Anlage in seinen Reisebeschreibungen: "Das Bernburger Schloss auf der Spitze des Schlossberges ist ein äußerst weitläufiges, unregelmäßiges, gotisches Gebäude, das einen weiten Hof einschließt und auf der anderen Seite von einem breiten und tiefen Graben umgeben ist. Auf der anderen Seite fließt in schauderhafter Tiefe die Saale." An gleicher Stelle befand sich auch die hochmittelalterliche Burganlage. Die Burg an der Saale diente der aufstrebenden anhaltinischen Fürstenmacht als Schlüsselstellung beim Ausbau ihrer Landesherrschaft. Noch vor 1100 war im sichersten Abschnitt des älteren Befestigungssystems die Herrenburg zur kleinen Rundburg ausgebildet worden. Die Burg erhielt im 16. Jahrhundert Ausbauten im Renaissancestil, die gesamte Schlossanlage wurde erst im 18. Jahrhundert vollendet. Heute finden hier regelmäßig Ausstellungen zur Schloss- und Landesgeschichte und Konzerte statt. Die Schlosskirche St. Ägidien war ursprünglich eine romanische Basilika aus dem zwölften Jahrhundert. Im Jahre 1752 ließ Fürst Victor Friedrich von Anhalt-Bernburg die Kirche im Stil des holländischen Barock umbauen. Eine Besonderheit in der Stadt ist die Bernburger Blumenuhr, die 1938 anlässlich der 800-Jahr-Feier im Auftrag der Stadtverwaltung von Ernst Kirchberg konstruiert und erbaut wurde. Das Turmuhrwerk am Rathaus ist in die Erde eingegraben und muss zweimal im Jahr zum Aufziehen freigelegt werden. Jede volle und halbe Stunde löst das Uhrwerk ein Klangspiel mit der Melodie "An der Saale hellem Strande" aus.

Quedlinburg oder der Naumburger Dom sind weitere Stationen auf der anhaltinischen Alleenstraße.

Andreas Schuppert

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 33 des 51. Jahrgangs (im Jahr 2001).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Freitag, 31.08.2001

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