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Anstoß

Grau oder Grün?

Anstoss zur Rückkehr des Alltags

Angela Degenhardt

Es scheint, als gehöre es unter den Hauptamtlichen beider Kirchen zum guten Ton, darüber zu klagen, dass die "guten alte Zeit" vorbei und alles so mühsam geworden sei ... Das habe ich in den letzten Tagen in einer katholischen und in einer evangelischen Predigt sinngemäß gehört beziehungsweise gelesen.

Ich muss gestehen, dass mir das sowohl an mir selbst als auch in der Begegnung mit anderen nicht fremd ist. Und -mir und anderen zum Trost -das Phänomen auf gut Glück zu klagen, wie schwierig alles geworden ist, tritt auch in jedem beliebigen anderen Umfeld auf. Der immer wieder gleiche Trott des Alltags in manch scheinbarer oder wirklicher Vergeblichkeit unseres Mühens macht müde und mutlos oder langweilt. Was nimmt uns Mut und Freude und macht den Alltag trist und grau? Stress, zu viel oder fehlende Arbeit, Sorge um die Familie, fehlende Perspektiven, ungeliebte Aufgaben und nicht zu unterschätzen die kleinen "Mutkiller", die uns oft gar nicht so bewusst sind, in der Summe aber die Farbe aus dem Leben vertreiben: die kleinen täglichen Reibereien, ein ausgebliebener Dank, die vermisste Anerkennung oder ein ungesagtes versöhnendes Wort. Alltagsgrau macht sich breit, wenn die Erinnerungen an schöne und erhebende Hoch-Zeiten verblassen.

Mit dem Ende der österlichen Zeit kehrt auch im Kirchenjahr wieder Alltag ein. Die jubelnden Osterlieder und Halleluja-Gesänge treten einen Schritt zurück in den Hintergrund. Das liturgische Weiß der Osterzeit und das leuchtende Rot der Pfingsttage werden abgelöst vom alltäglichen Grün. Wohlgemerkt Grün! Mir gefällt es, dass die Alltagsfarbe der Liturgie Grün ist und eben nicht Grau. Im Denken der heiligen Hildegard von Bingen spielt die Farbe Grün immer wieder eine Rolle.

Grün ist für sie die Farbe der Weisheit, die Farbe Gottes. Es ist die erste Farbe der Schöpfung und die Farbe des Frühlings. Hildegard spricht von der heiligen Grünkraft, unaufdringlich und beharrlich zugleich, Kraft aus der Ewigkeit. Für mich verbindet sich diese Vorstellung mit der Zusage des Heiligen Geistes, die wir an Pfingsten gefeiert haben. Der Heilige Geist, die Weisheit Gottes hält alles am Leben und in Bewegung -auch und gerade da, wo vieles eintönig, grau und vergeblich scheint.

Die Rückkehr in den Kirchenjahresalltag könnte ein Anstoß sein, mein "Alltagsgrün" neu zu entdecken: ein Moment der Stille am Morgen oder ein gutes Buch, der Duft des Kaffees oder die Sonne auf meinem Gesicht, ein Lächeln auf der Straße, der Anruf eines guten Freundes ...

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 0 des 57. Jahrgangs (im Jahr 2007).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Donnerstag, 31.05.2007

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