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Bistum Dresden-Meißen

Wahrhaftigkeit statt Waldidylle

50 Jahre Waldkapelle Oßling -Kirchenarchitektonisch war der Bau seiner Zeit voraus

Pfarrer Michael Kleiner und Gottfried Zawadzki mit einer Tafel des restaurierten Holzschnitt-Kreuzweges.

Kamenz - Äußerlich unscheinbar liegt sie an einer Nebenstraße zwischen Kamenz und Wittichenau, die Waldkapelle Oßling. Katholiken der umliegenden Dörfer versammeln sich hier seit fünfzig Jahren jeden Sonntag zum Gottesdienst.

1954 begannen Gemeindemitglieder auf Initiative des Lehreres Josef Neugebauer, die Kapelle eigenhändig aus der Ruine eines Lokschuppens der alten Steinbrucheisenbahn zu errichten -ein Bau, der weit über die Lausitz hinaus Aufsehen erregte und sogar Eingang fand in Fachliteratur über sakrale Architektur.

Der Meißner Bischof kam nicht zur Kapellenweihe am 9. September 1957, und für die beiden "Zugpferde" endete das Bauprojekt mit einer Abstrafung: Kaplan Gerold Schneider wurde versetzt, der Künstler Georg Zawadzki erhielt die folgenden zwei Jahre keine Aufträge mehr für das Bistum Meißen. Auf Betreiben der beiden stand der Altar zur Gemeinde hin in der Mitte des Sakralgebäudes. Der gemeinschaftliche Charakter der Eucharistiefeier sollte auf dieser Weise betont werden. Dieser Gedanke, der kurze Zeit später durch das Zweite Vatikanische Konzil Bestätigung fand, erschien 1957 provokant, war in der Diözese jedenfalls noch nicht konsensfähig.

Die schlichte Ausgestaltung, für die sich Georg Zawadzki entschieden hatte, war nicht allein der Materialknappheit geschuldet. Dem Kamenzer Künstler war es wichtig, dass die Kapelle als nüchterner Industriebau erkenntlich blieb. Der Dachstuhl beispielsweise wurde belassen wie er war, lediglich vom Ruß befreit. Es sollte deutlich werden, dass Gott in den Alltag der Menschen eindringt und ihnen nahe sein will. Auch die Armut der Erbauer, vorwiegend Vertriebene, sollte erkennbar sein. Die Waldkapelle war in den ersten Jahrzehnten tagsüber immer offen für Beter. Dafür hatte man bewusst auf Ausstattungsstücke verzichtet, die eine Versuchung für Diebe darstellen könnten. Da Oßling von Anfang an eine Außenstation der Pfarrei Kamenz war, hatte man sich auch gegen einen Tabernakel entschieden. In dem 1969 im St.- Benno-Verlag erschienenen Werk "Kirchbau heute" schrieb der Kirchenhistoriker Dr. Siegfried Seifert: Wie leicht hätte der Gedanke der Errichtung einer Waldkapelle in Oßling eine falsche Idylle schaffen können. So aber wurde der Bau zu einer Selbstdarstellung dieser Diasporagemeinde.

Gerold Schneider profilierte sich später als kirchlicher Bauexperte, Gottfried Zawadzki als einer der renommiertesten ostdeutschen Künstler im sakralen Bereich. An manche Ideen, die sie bereits ganz am Anfang ihres Weges in Oßling verwirklicht hatten, konnten sie in späteren Bauvorhaben anknüpfen. So übernahm Zawadzki im weiteren Verlauf seiner Karriere vorzugsweise Aufträge, bei denen es darum ging, gewerbliche Zweckbauten in Gotteshäuser umzuwandeln. Schmerzlich empfanden er und Schneider es, dass sie nach der Restaurierung der Waldkapelle Anfang der 90er Jahre ihr ursprüngliches Anliegen der sichtbaren Armut nicht mehr wiederentdecken konnten. Seither bleibt die Kapelle außerhalb der Gottesdienstzeiten geschlossen.

Als Zeichen der Wertschätzung für Gottfried Zawadzki hat die Kamenzer Gemeinde nun pünktlich zum Jubiläum den Holzschnitt- Kreuzweg restaurieren lassen, den der Künstler für zahlreiche Kapellen in der DDR und in Polen gefertigt hat. Oßling war eine der ersten Kapellen, in denen dieser durch Hugo Aufderbeck, den späteren Erfurter Bischof, in Auftrag gegebene Kreuzweg seinen Platz fand.

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 0 des 57. Jahrgangs (im Jahr 2007).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Donnerstag, 24.05.2007

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