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Bistum Magdeburg

"Magdeburg spiegelt das Schicksal der deutschen Diaspora"

Kirche im Bereich des Bistums Magdeburg (4): Das 20. Jahrhundert

Der 9. September 1928 war ein strahlender Spätsommersonntag. 40 000 Katholiken aus der ganzen mitteldeutschen Diaspora hatten sich auf den Weg nach Magdeburg gemacht. Sie feierten den Abschlussgottesdienst des 67. Deutschen Katholikentages. Mit ihnen feierte der damalige Nuntius Eugenio Pacelli, der spätere Papst Pius XII. In seiner Ansprache sagte er: "Magdeburg spiegelt in seiner Geschichte das Schicksal der ganzen deutschen katholischen Diaspora wieder. Wie nur wenige Städte hat es die Vollb1üte reichster katholischer Kultur an sich erlebt, aber ebenso die ganze Auswirkung der Glaubensspaltung - und dann den wieder anbrechenden katholischen Frühling, die Frucht unverdrossener und gottgesegneter Diasporaarbeit." Schon bald nach dem Katholikentag wurde 1929 mit Preußen ein Konkordat geschlossen. Bei den Vorverhandlungen tauchte die Überlegung auf, Magdeburg zum Bistum zu erheben. Dafür schien aber die Zeit noch nicht gekommen zu sein. Das Bistum Paderborn wurde zum Erzbistum erhoben und dem nun Erzbischöflichen Kommissariat die Dekanate Halle, Eisleben und Wittenberg wieder eingegliedert.

Auch im Bereich des Kommissariats kam es in der Nazi-Zeit zu Konflikten zwischen der Kirche und den Machthabern. Für die Priester gab es einen Kata1og mit unterschiedlichen Strafmaßnahmen; etwa 70 Prozent, die damals hier wirkten, sind mit diesen Strafen belegt worden So wurden zum Beispiel der Pfarrer und der Vikar von Torgau 1941 drei Wochen inhaftiert, weil sie für die in ihrer Gemeinde ansässigen Polen Gottesdienste gehalten hatten. Drei Priester kamen ins KZ Dachau. Einer von ihnen; Pfarrvikar Wilhelm Oberhaus aus Bockwitz (heute Lauchhammer), starb dort. Öfter wurden Geldstrafen verhängt und Betätigungsverbote ausgesprochen. Bespitzelungen und Hausdurchsuchungen waren allgemein üblich. Letzteres betraf nicht nur die Pfarrer, sondern auch aktive Gemeindemitglieder.

Im Jahre 1943 wurde der Pfarrer von Merseburg, Wilhelm Weskamm, Erzbischöflicher Kommissar. Er musste in schwerer Zeit weitreichende Entscheidungen treffen. Dabei ließ er sich vor allem von seelsorglichen Gesichtspunkten leiten. 1948 holte er Vikar Hugo Aufderbeck von Halle nach Magdeburg und berief ihn zum Leiter des gerade gegründeten Seelsorgeamtes. Diese Männer gaben der Kirche der Region wichtige Impulse.

Das Ende des Zweiten Weltkrieges brachte auch für das Erzbischöfliche Kommissariat große Umbrüche. In kurzer Zeit strömten mehrere hundertausend Katholiken, die aus ihrer Heimat vertrieben wurden, in unser Gebiet. Zählte das Kommissariat 1939 130 000 Katholiken mit 154 Priestern, so waren es 1948 700 000 Katholiken mit 276 Priestern. Für viele war das Leben in der Diaspora etwas Fremdes. Um sie mit der neuen Situation vertraut zu machen und sie gleichzeitig in der Kirche ein Stück Heimat erfahren zu lassen, mussten viele neue Seelsorge-stationen gegründet werden. Zwischen 1945 und 1949 waren es 87. An vielen Orten stellte die evangelische Gemeinde ihre Kirche für den katholischen Gottesdienst zur Verfügung.

Schon bald nach dem Krieg wurde die Sowjetische Besatzungszone immer mehr vom übrigen Deutschland abgeriegelt. Der freie Verkehr zwischen dem Kommissariat und Paderborn wurde behindert. Erzbischof Lorenz Jaeger hatte schon vorsorglich dem Kommissar in Magdeburg weitreichende kirchliche Vollmachten erteilt. Diese Vollmachten wurden bald noch ausgedehnt. So erfolgten schon damals die ersten Schritte hin zur Loslösung von Paderborn.

1949 wurde Wilhelm Weskamm zum zweiten Weihbischof von Paderborn mit dem Sitz in Magdeburg geweiht. Ihm war klar, dass infolge der Abgrenzungspolitik bald kein Priester mehr von Paderborn in das Kommissariat zugelassen würde. So regte er an, eigene Ausbildungsstätten zu gründen. 1952 übernahm das Norbertinum in Magdeburg die vorbereitende Ausbildung junger Männer zum Theologiestudium. Im Mai 1952 konnte das Priesterseminar auf der Huysburg gegründet werden. Vier Wochen später eröffnete Bischof Weskamm das Philosophisch-Theologische Studium in Erfurt. Schon 1948 hatte er für die Einrichtung des Seelsorgehelferinnen-Seminars in Magdeburg gesorgt.

Im Jahre 1951 hatte Weihbischof Weskamm seine Ernennung zum Bischof von Berlin erhalten. Sein Nachfolger war der bisherige Generalvikar von Paderborn, Friedrich Maria Rintelen. Er erhielt am 24. Januar 1952 in St. Sebastian die Bischofsweihe. In den 19 Jahren seines Wirken musste er erleben, wie die nach dem Krieg entstandenen Gemeinden besonders in den kleinen Orten schrumpften. Die Fluchtbewegung in den Wes-ten und der Fortzug in die Städte machten sich bemerkbar. Die kirchen- und religionsfeindliche Propaganda des Staates hatte zur Folge, dass sich etliche Christen von der Kirche distanzierten.

In den sechziger Jahren gab es von Seiten der DDR-Regierung Bestrebungen, das Erzbischöfliche Kommissariat aus der Verbindung mit Paderborn zu lösen und möglichst zu einem eigenen Bistum zu machen. Das aber hätte unübersehbare politische Konsequenzen nach sich gezogen. Auf der Seite der Kirche befürchtete der Vorsitzende der Berliner Ordinarienkonferenz, Alfred Kardinal Bengsch, dass die einheitliche Linie der Bischöfe im Gebiet der DDR gegenüber dem Staat gefährdet sei, wenn eine enge Beziehung zu Paderborn aufrecht erhalten würde. Ohne das Wissen von Weihbischof Rintelen beantragte er in Rom dessen Pensionierung. Zunächst aber wurde dem Weihbischof mit dem Rektor des Norbertinums, Johannes Braun, ein Adjutor-Bischof zur Seite gestellt, der nicht mehr Weihbischof von Paderborn war. Nach seiner Weihe am 18. April 1970 trat Weihbischof Rintelen in den Ruhestand und ging nach Paderborn, wo er 1988 starb.

Nach Abschluss des Grundlagenvertrages zwischen den beiden deutschen Staaten 1973 tat Papst Paul VI. einen Schritt, der wieder ein Stück mehr Eigenständigkeit brachte: Das Erzbischöfliche Kommissariat wurde in das Bischöfliche Amt Magdeburg umgewandelt, Bischof Braun zum Apostolischen Administrator ernannt und direkt dem Papst unterstellt. Damit blieb das Gebiet zwar rechtlich im Erzbistum Paderborn. Aber die Rechte des Erzbischofs ruhten.

Nach der Wende und der Wiedervereinigung Deutschlands stellte sich die Frage nach dem künftigen Weg des Bischöflichen Amtes. Hier lebten Christen, die ihre Erfahrungen mit 40 Jahren Sozialismus gemacht hatten inmitten einer Umwelt, in der Religion weithin ausgeklammert war - zusammen mit einer großen Mehrheit von Menschen, die mit Christentum nichts anzufangen wussten. Deswegen durfte nicht einfach an vergangene Strukturen angeknüpft werden. Ein Entwicklungsprozess war nicht mehr rückgängig zu machen. Um der Menschen willen musste ein neuer Anfang gemacht werden. Das geschah mit der Gründung des Bistums Magdeburg am 9. Oktober 1994. Am selben Tage wurde Bischof Leo Nowak als Diözesanbischof eingeführt und mit einem Partnerschaftsvertrag die weitere Verbindung zu Paderborn besiegelt.

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 33 des 51. Jahrgangs (im Jahr 2001).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Freitag, 31.08.2001

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