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Anstoß

Falsche Fuffzscher

Hintenrum im Namen des Herrn

Guido Erbrich

Tante Uhlig war ein sächsisches Original. Sie war nicht ganz einfach für die Menschen ihrer Umgebung, aber immer gerade heraus. Für alle, die freundlich zu ihr taten und hintenrum anderes tratschten, hielt sie einen Ehrentitel parat: "Falsche Fuffzscher".

Tante Uhlig ist vor vielen Jahren gestorben. Leider sind die falschen Fuff-zscher geblieben und sie lächeln und hintertreiben weiter die ganze Gesellschaft. Dummerweise machen sie auch vor Kirchentüren nicht halt. Die Briefkästen mancher Bischöfe quellen über von all den Briefen der lieben Mitchristen, die andere anzeigen ohne vorher ein Wörtchen vor Ort zu sagen. Erbost machen sie ihrem Herzen andernorts Luft -ohne mit denjenigen zu sprechen, die Grund ihres Ärgernisses sind.

Den falschen Fuffzschern ist die aus ihrer Sicht vermeintlich reine katholische Lehre so wichtig, dass sie vor lauter Verantwortung für das Seelenheil der anderen vergessen, dass Probleme vor der Haustür auch erst einmal dort gelöst werden sollten. Sie agieren fast nach dem biblischen Motto: "Wir haben ein Gesetz, und nach diesem Gesetz muss er sterben" (Johannes 19,7). Fast, denn die Angezeigten sollen natürlich nicht gleich sterben, so weit geht's glücklicherweise nicht, aber vielleicht versetzt, gemaßregelt, abgemahnt, zur Rechtgläubigkeit zurückverdonnert werden. Und so flüstert und schreibt es mitunter hinterrücks in unserer schönen, weiten Kirche bis hinauf in die kirchlichen Behörden. Manchmal anonym, leider immer ohne Gespräch oder Klärung vor Ort.

Dabei fehlt diesen falschen Fuffzschern der Mut zur Offenheit. Sie glauben das Rechte zu tun und vergessen, dass das Christentum eine Religion der Wahrheit ist. Dazu gehört die offene Auseinandersetzung bei Meinungsverschiedenheiten. Erst wenn es mit ehrlicher und offener Rede nicht mehr geht, wenn die Fronten unchristlich verhärtet sind, sollte die nächste Instanz angefragt werden.

Jesus selbst ist ein Befürworter dieser Lösung: "Wenn dein Bruder sündigt, dann geh zu ihm und weise ihn unter vier Augen zurecht. Hört er auf dich, so hast du deinen Bruder zurückgewonnen. Hört er aber nicht auf dich, dann nimm ein oder zwei Männer mit ... Hört er auch auf sie nicht, dann sag es der Gemeinde ..." (Matthäus 18,15-17).

Jesus weiß wovon er spricht. Denn die scheinheilige Anschwärzerei im Namen des Glaubens finden wir schon im Neuen Testament. Dort ist sie bevorzugt bei einigen Pharisäern und Schriftgelehrten zu finden. Nur ist dabei die Reaktion Jesu niemals: "Gott sei Dank, dass mir das gerade gesagt wurde." Nein, er wendet den Blick vom Splitter im Auge des Bruders zum Balken vor dem Kopf.

Tante Uhlig hätte sich sicher gut mit einem unserer Bischöfe verstanden. Der beantwortet Briefe, wo ein Christ den anderen anzeigt, zuerst mit der Gegenfrage, ob mit dem Betroffenen schon vom Absender gesprochen worden sei. Wenn nicht, und es keinen ernsten Grund gibt, warum dieses Gespräch gescheut wird, verschwindet der Brief von seinem Schreibtisch. Dasselbe macht er mit anonymen Briefen. Denn der Bischof weiß: Nicht jeder Vogel, den ein Mitchrist hört, ist automatisch der Heilige Geist.

Die katholische Kirche ist ein Ort der geistigen Weite und der Freiheit, die von Gott geschenkt wurde. In dieser Weite und Freiheit gehören Auseinandersetzungen dazu: Fair, offen und ehrlich und ruhig auch kontrovers. Aber bitte nicht hintenrum.

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 0 des 57. Jahrgangs (im Jahr 2007).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Samstag, 12.05.2007

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