Jetzt 4 Wochen kostenfrei Tag des Herrn lesen!
Aus der Region

Vielerorts in Kirche und Welt:

Theologische Fakultät Erfurt lud Absolventen erstmals zu einem Treffen ein

Zum Auftakt des Absolvententreffens der Theologischen Fakultät Erfurt sprach Bundestags-Vizepräsident Wolfgang Thierse (SPD), hier mit Jürgen Manemann, Professor für christliche Weltanschauung, Religions- und Kulturtheorie, und Philosoph Eberhard Tiefensee. Foto: Eckhard Pohl

Erfurt - Männer und Frauen, die seit 1952 in Erfurt ein theologisches Examen abgelegt haben, kamen über den 1. Mai erstmals zu einem Absolvententreffen zusammen. Die Theologische Fakultät hatte dazu eingeladen.

Es war eine sehr lebendige Begegnung. 200 Männer und Frauen, die vor 50 Jahren oder aber auch erst vor kurzem in Erfurt Theologie studiert haben und heute in unterschiedlichsten Situationen leben und wirken, hatten sich eingefunden und waren am Ende dankbar, dabei gewesen zu sein.

"Wir wollen mit dem Treffen Gelegenheit bieten, sich wieder zu sehen, aber auch schauen, was aus den einstigen Studenten geworden ist", sagte Dekan Benedikt Kranemann. "Wer seine Studienzeit als prägenden Lebensabschnitt begreift, dem kann der Kontakt zu seiner Studieneinrichtung nicht egal sein", so der Liturgik-Professor. Das Treffen könne Vernetzungen schaffen, von denen die heute Studierenden und auch die Fakultät profitieren können. In diesem Sinne werde durch die Fakultät auch eine Verbleibstudie durchgeführt, zu der beizutragen jeder Ehemalige eingeladen sei.

Sehr zufrieden damit, dass Ehemalige, die heute in den unterschiedlichsten Bereichen und Aufgaben arbeiten, nach Erfurt gekommen waren, äußerte sich auch Philosoph Eberhard Tiefensee. Er hatte das Treffen federführend vorbereitet. Tiefensee forderte die Teilnehmer auf, mögliche Studenten und Promoventen für eine Ausbildung an der Theologischen Fakultät Erfurt zu interessieren.

    Menschenwürde gegen Allmacht der Ökonomie

Zum Auftakt des Treffens am Sonntagabend sprach Bundestags- Vize-Präsident Wolfgang Thierse (SPD) über "Religion und Politik". Bei aller Notwendigkeit der Trennung von Kirche und Staat gebe es einen berechtigten "Öffentlichkeitsanspruch des christlichen Glaubens". Schließlich verlange der Glaube "existentielle Verbindlichkeit gegen jede bürgerliche Gemütlichkeit", so Thierse, der auch Mitglied des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK) ist.

Thierse zeigte stichpunktartig Problembereiche auf, in denen sich die moderne Gesellschaft befindet: Rasante Veränderungen durch die Globalisierung, ökologischer Krise, "die dramatische Verschärfung der sozialen Gegensätze", Demografie-Problem, Demokratiekrise. Angesichts dieser Situation müsse es Aufgabe der Kirche sein, den Menschen Identität, Heimat und nicht zuletzt Vertrauen in die Demokratie zu geben. Zugleich komme es der Religion zu, "störrisch kritisch immer wieder die Frage nach dem Sinn zu stellen und Institution des Gedächtnisses der Leiden und der Niederlagen zu sein".

Thierse warnte vor "einer neuen Wagenburg-Mentalität" der Kirche. Nötig sei, "mit viel Offenheit ein selbstbewusst bescheidenes Angebot" zu machen. Dabei gelte es, die Geschichten des Lebens dialogisch weiterzuerzählen, Menschen zu helfen, sich nicht selbst zu überschätzen und zu überfordern und ein Ort der Einübung solcher Praxis zu sein. Die Kirche müsse gegen die sich immer mehr ausbreitende "Allmacht des Ökonomischen ...Gottes Barmherzigkeit in ihrem Tun bezeugen".

Bei einem Gottesdienst im Dom ermutigte der Erfurter Bischof Joachim Wanke die Absolventen dazu, "tiefe geistliche Zuversicht zu bewahren, dass die Menschen Mitteldeutschlands berufen sind für das Reich Gottes". "Wenn uns als Christen etwas profiliert", so Wanke, so ist es angesichts von NS- und kommunistischer Diktatur die Erfahrung, "etwas von Gottes Macht gespürt zu haben. Diese Erfahrung ist Geschenk und gibt uns Mut, auch den neuen Geistesmächten der offenen liberalen Gesellschaft standzuhalten und sie zu relativieren." Bischof Wanke: "Umso mehr bitte ich alle, die hier Theologie studiert haben, den Menschen auf dem Hintergrund des Glaubens Gesprächspartner zu sein." Es sei wichtig, "dass viele im Kern unserer Gemeinden helfen, österlichen Glanz über das Land zu verbreiten".

Neben der Eucharistiefeier standen am Montag zunächst Vorträge und Arbeitskreise auf dem Programm. "Hat das Konzil das Kirchenrecht überflüssig gemacht?" Diese Frage beantwortete die Erfurter Kirchenrechtlerin Myriam Wijlens. (Ihr Vortrag ist in der Zeitschrift der Theologischen Fakultät Erfurt "Theologie der Gegenwart", 2007/1, veröffentlicht.) Dogmatiker Josef Freitag entfaltete eine ungewohnte Perspektive. "Drei Kontexte: Deutschland, USA und Indien -ein Text: das Evangelium" war sein Vortrag überschrieben. Themen der Arbeitskreise am Nachmittag waren etwa "Ökumene und Gewohnheitsrecht: Wenn aus Leben und Handeln Verbindlichkeit entsteht", christliche Sinnfragen im Kino oder "Armut in Deutschland". Und auch Führungen auf dem Uni-Campus waren im Angebot. Dazwischen gab es Zeit für viele persönliche und oft auch Generationen übergreifende Begegnungen der Absolventen und Lehrenden mit- und untereinander. Am Abend wurde dann nach einer Vesper im Dom in lockerer Atmosphäre Rückschau auf gut fünf Jahrzehnte theologische Ausbildung in Erfurt gehalten. Daran waren nicht zuletzt Vertreter der verschiedenen Absolventengenerationen aktiv beteiligt.

    Vielseitiges Programm, vor allem aber Begegnung

Die meisten Teilnehmer waren am Ende des Alumnitreffens zufrieden mit dessen Verlauf. Heribert Jünemann (Studium in den 70er Jahren, Pfarrer in der Diözese Fulda) meinte: "Ich nehme gern eine solche Gelegenheit wahr. Ich verbinde ein Stück meiner Identität mit Erfurt und seiner theologischen Hochschule." Helga Siegl (Studium Anfang der 60er Jahre, 1983 bis zu ihrem Ruhestand im Jahr 2000 Beauftragte für die Gemeindereferentinnen und -referenten im Bistum Magdeburg), lobte Programm und Organisation. Sie erinnerte an die Theologischen Wochen zu DDR-Zeiten, die ebenfalls Absolventen zusammenführten. Dietmar Swaton (Studium in den 80er Jahren, freiberuflich Organist in Berliner Gemeinden) wünscht sich für künftige Treffen eher nur eine Hauptvorlesung mit ausführlicher Diskussion zu neuen theologischen Erkenntnissen und verwies auch auf den relativ hohen finanziellen Aufwand für die Teilnehmer. Michael Gehrke (Studium in den 80er Jahren, Pfarrer in Crimmitschau): "Ich fand es sehr schön, einmal wieder mit einstigen Mitstudenten zusammenzusitzen, deren Lebenswege inzwischen sehr unterschiedlich verlaufen sind. Auch die Vorträge waren sehr anregend. Man sollte so ein Treffen wiederholen."

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 0 des 57. Jahrgangs (im Jahr 2007).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Samstag, 12.05.2007

Aktuelle Buchtipps