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Anstoß

Des einen Freud …

Warum der Regen dazugehört

Kaplan Marko Dutzschke

Das Wetter lässt nichts zu wünschen übrig. Quasi über Nacht ist es sommerlich warm geworden. Keine Wolke trübt das Blau des Himmels und Regen ist nicht in Sicht. Ich bin mit meinem Auto unterwegs und aus dem Radio verkündet mir die Stimme einer jungen Moderatorin, dass eine Wetteränderung in den kommenden Tagen nicht zu erwarten ist.

So fahre ich an ersten blühenden Rapsfeldern vorbei und genieße den Sonnenschein. Vielleicht habe ich am Nachmittag Zeit, eine Runde mit dem Fahrrad zu drehen. Ich freue mich über die hellgrünen Bäume und die blühenden Wiesen. Endlich erwacht die Natur zu neuem Leben.

Während ich weiterfahre, muss ich an die Bemerkung eines Freundes denken, der mir zum Abschied neulich sagte: „Eine Bitte habe ich; bete um Regen.“ Ich soll den lieben Gott um schlechtes Wetter bitten! Mein Freund muss mir seine Bitte nicht lange erklären, denn ich verstehe ihn. Er ist Landwirt und er sieht, wie die Felder dürsten. Es muss bald regnen, damit die Saat keinen größeren Schaden nimmt.

Noch freuen wir uns über die ersten warmen Sonnenstrahlen, bald werden wir wieder unter heißen Tagen stöhnen. Es braucht verregnete Tage, damit die Natur Kraft schöpfen und Vorräte anlegen kann, um trockene Zeiten auszuhalten.

Ich habe das Gefühl, dieser merkwürdige Gegensatz hat viel mit unserem menschlichen Leben zu tun. Wir lieben es, in der Sonne zu stehen. Wir lieben es, wenn es in Beruf und Partnerschaft läuft. Und wir versuchen, Ärger aus dem Weg zu gehen. Am liebsten wollen wir Sommer, Sonne und Sonnenschein für unser ganzes Leben. Regenwolken passen da nicht rein und die Bitte um Regen ist schwer zu verstehen. Aber sicher gilt auch für unser Leben; auf Dauer wird der schönste Sonnenschein unerträglich, wenn es nicht ab und zu einen erfrischenden Regen gibt.

So ein Regen kann einmal als kleiner Streit ausfallen oder gleich ein ausgewachsenes Beziehungsgewitter werden. Dabei ist es leichter, Schwierigkeiten unter den Tisch fallen zu lassen, statt sie offen anzusprechen. Wer hat noch den Mut, auf Arbeit oder zu Hause Probleme auszutragen oder mit dem Partner oder der Partnerin in schwierigen Fragen bis zu einer Lösung zu streiten. Komm, bleib friedlich! Lass uns nicht streiten!

Und doch könnte genau das der notwendige Regen sein, den unsere menschlichen Beziehungen brauchen, damit wir Sonnentage genießen können, ohne auszutrocknen. Ich werde um erfrischenden Regen bitten; für die trockenen Felder und für die Beziehungen, in denen ich lebe.

Kaplan Marko Dutzschke, Görlitz

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 16 des 57. Jahrgangs (im Jahr 2007).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Freitag, 20.04.2007

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