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Bistum Dresden-Meißen

Hier ist es zum Verrücktwerden

Mitten unter uns: Amir Esho Brekha, ein Christ aus dem Irak

Amir Esho Brekha Leupoldishain - Mit vielen Asylbewerbern hierzulande hat der Iraker Amir Esho Brekha das Schicksal der Heimat- und Perspektivlosigkeit geteilt. Anders als ein Großteil seiner Leidensgefährten schöpft der Diakon der assyrischen Ostkirche Zuversicht aus seinem christlichen Glauben.

Gemeinsam mit Christen unterschiedlichster Konfessionen hat Amir Esho Brekha in Bagdad am Babelkolleg der chaldäischen Kirche bis zum Jahr 2001 Theologie studiert. "Dort herrschte ein sehr offenes geistiges Klima, und alle Studenten, egal aus welcher Kirche, wurden gleich behandelt", erinnert er sich. Seitens des Saddam- Hussein-Regimes hatte das Kolleg lediglich die Auflage, keine Muslime als Studenten aufzunehmen. "Andernfalls wäre uns die Schließung sicher gewesen." Im Laufe des Irakkriegs wurde es immer gefährlicher, den Alltag zu bewältigen, so dass er sich vor sechs Jahren zur Flucht nach Deutschland entschloss. Da es am Babelkolleg eine Reihe europäischer Dozenten gab, hoffte er darauf, hier an sein Studium anknüpfen zu können.

Von der Realität, die ihn bei uns erwartete, war er überrascht. Er verbrachte die zurückliegenden Jahre in einem abgelegenen Asylbewerberheim in einem Waldstück bei Leupoldishain in der Sächsischen Schweiz. Nur dreimal in all der Zeit hatte er die Gelegenheit, zur nächstgelegenen assyrischen Gemeinde nach Wiesbaden zu fahren. Manchmal besuchte er katholische Gottesdienste in Pirna, doch das war gar nicht so einfach. Eine Busverbindung gab es sonntags nicht, und wie seine Mitbewohner im Heim hatte er Angst, allein mit dem Fahrrad unterwegs zu sein, gerade bei anbrechender Dunkelheit. Der Hinweg dauerte bergab eine halbe Stunde, der Rückweg dreimal so lange. Spätestens nachdem er erlebt hatte, dass Steine gegen das Wohnheim geschleudert wurden und dass ausländerfeindliche Beschimpfungen die Heimbewohner auf Schritt und Tritt begleiteten, war Amir Esho Brekha vorsichtig. Er erinnert sich noch gut daran, wie er erstmals einen Einheimischen nach dem Weg fragte: "Er drehte sich einfach weg, eine Antwort bekam ich nicht."

Manche seiner Landsleute sind in den Irak zurückgekehrt, obwohl sie aus vielen Berichten wissen, dass das Leben dort derzeit noch gefährlicher ist als zu Kriegszeiten. Jeder kennt Menschen wie Esho Brekhas Cousine, eine Lehrerin, deren Schule in die Luft flog, als sie gerade auf dem Heimweg war. Seine Eltern leben in einem nordirakischen Dorf, ohne Strom, Gas und Öl, die kurdischen Nachbarn verwehren ihnen den Zugang zum Fluss, und sie wissen nicht, wie lange noch sie in der enteigneten Wohnung geduldet werden. "Die Realität in Deutschland ist für manche aber noch schwerer zu ertragen", weiß der irakische Theologe: In engen Vierbettzimmern haben sie jahrelang im Wohnheim gelebt, ohne Arbeitserlaubnis und sicheren Aufenthaltsstatus, ohne Geld und nur mit Lebensmittelpaketen, sie hängen immer neue Hoffnungen an Gesetzesnovellen und damit verbundene Verbesserungen ihrer Zukunftsaussichten und müssen immer wieder ansehen, wie die Hoffnung zerschlagen wird. Aus Sicht des deutschen Staates gibt es mit Kriegsende 2003 keinen Grund mehr, Irakern Asyl zu gewähren. "Es schmerzt zu merken, wie man sich in so einer Lage menschlich verändert, und mancher hat Angst davor, allmählich verrückt zu werden", beschreibt der Iraker das Lebensgefühl in Leupoldishain.

Amir Esho Brekha ist mittlerweile 33 Jahre alt. Seinem Wunsch, assyrischer Priester zu werden, ist er in all den Jahren keinen Schritt näher gekommen, und die Frau, mit der er seit 1996 verlobt ist, und die in den Vereinigten Staaten wohnt, hat er nur einmal treffen können. Trotzdem strahlt er Lebensfreude aus. Er nutzt jeden Tag im Wohnheim, seine Fähigkeiten in den Dienst der Mitbewohner zu stellen. Dass er nicht nur Theologe ist, sondern auch ausgebildeter Friseur und sich zudem bereits in Bagdad mit Computern und diversen Sprachen beschäftigt hat, kommt ihm dabei zugute. Unter anderem hat er sich einen alten Computer besorgt, ihn aufgebaut und unter anderem ein Programm installiert, mit dem er Passfotos für die anderen Asylbewerber erstellt. Er begleitet Landsleute, denen für einen Deutschkurs das Geld fehlt, als Übersetzer bei Behördengängen und wichtigen Arztterminen, setzt sich im Wohnheim für ihre Anliegen ein und schneidet vielen Menschen die Haare. "Ich habe hier viele Freunde gefunden, auch Deutsche", erzählt Esho Brekha. Immer wieder kommt er dabei auch auf seine Religion zu sprechen. Ein Freund, der zu DDR-Zeiten Polizist war, wollte beispielsweise wissen, was ihm Weihnachten bedeutet. "Ich konnte ihm manches über die Bedeutung dieses Festes erzählen, was er noch nie gehört hatte."

In seinem Leben bahnt sich in diesen Tagen nun auch äußerlich ein hoffnungsvoller Wandel an, eine Zukunftsperspektive, die er in Deutschland nicht bekommen kann. Amir Esho Brekha sitzt bereits auf gepackten Koffern und wird in Kürze in die USA reisen. Dort wartet nicht nur seine Verlobte auf ihn, sondern auch der assyrische Patriarch von Chicago.

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 16 des 57. Jahrgangs (im Jahr 2007).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Freitag, 20.04.2007

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