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Miteinander auf dem Weg

Mainzer Kardinal Lehmann sprach über "Ich gehe ein Stück mit dir" / Abschluss der Vortragsreihe

Kardinal Karl Lehmann

Erfurt (mh) - Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Kardinal Karl Lehmann (Mainz) beendete die Vortragsreihe in Erfurt über die "Werken der Barmherzigkeit für Thüringen heute". Lehmann sprach über "Ich gehe ein Stück mit dir".

Der moderne Mensch ist oft verführt, die Werke der Barmherzigkeit auf institutionelle Hilfen zu reduzieren. Dabei ist es für den Mainzer Kardinal Karl Lehmann eine "große Chance, dass wir alle" diese Werke "im Alltag unseres Lebens in die Tat umsetzen". Wenn der Mensch sich nicht scheue, seine Lebensvollzüge "auf ihren Grund hin zu durchleuchten", dann "können wir auch solche Worte und Werke wie Barmherzigkeit auf neue Weise im unscheinbaren Alltag unseres Lebens frisch entdecken", sagte Lehmann, der zum Abschluss der Vortragsreihe des Katholischen Forums über die "Werke der Barmherzigkeit für Thüringen heute" sprach (siehe Interview auf dieser Seite).

Wie diese Neuentdeckung aussehen kann, erläuterte Lehmann anhand des Werkes "Ich gehe ein Stück mit dir". An einer solchen Aussage sei zunächst einmal nichts Besonderes, aber: "Wir erleben heute viele Menschen, mit denen niemand ein Stück mitgeht." Einen Grund dafür sieht Lehmann in der starken Tendenz zur Individualisierung. Seit den 1960er Jahren gebe es sogar einen regelrechten Individualisierungsschub, gefördert durch den gehobenen materiellen Lebensstandard, das gestiegene Bildungsniveau und den Ausbau der sozialstaatlichen Sicherungssysteme.

Neben Chancen seien damit allerdings auch Risiken verbunden wie die neuen Einsamkeiten des Menschen. Dabei könne es sogar zu einer "totalen Distanzierung von allem, was außerhalb von uns ist, kommen, dass man nur noch gleichsam wie ein in sich selbst gefangener Robinson lebt". Angesichts dieser extremen Individualisierung, "die vielleicht auch schon ihren Zenit überschritten hat", könne es "in großer Not tiefe Einsamkeiten geben, wo es geradezu lebenswichtig ist, dass wenigstens einer mit uns geht und auch die Hoffnung im Menschen bestärkt".

An dem "Menschenbild, nach dem der Mensch sein Leben ganz allein bestehen und auf alle Stützen und Hilfen verzichten könne", seien Korrekturen notwendig. Lehmann wies dabei darauf hin, dass der Mensch des anderen wegen seiner Endlichkeit bedürfe. Wer diese Endlichkeit ernst nehme, "für den wird die Kategorie Solidarität elementar und wirklich tragend". Lehmann: "Wir sind zueinander geöffnet, füreinander da und einander verpflichtet." Vor diesem Hintergrund erhalte der Satz "Ich gehe ein Stück mit dir" einen ganz neuen Sinn. "Es ist dann beinahe selbstverständlich, dass wir miteinander durch das Leben gehen, der eine den anderen bei der Hand nimmt und ihn bisweilen auch führt und leitet. Wir entdecken uns als Weggefährten derselben Zeit, derselben Generation, derselben Herkunft, desselben Schicksals, derselben Interessen."

Dabei bedeute aber das Wort "Ich gehe ein Stück mit dir" ein anderes Engagement als bloße Zeitgenossenschaft: "Man interessiert sich wirklich für den anderen, ob er fremd ist oder ein Freund geworden ist." Der stärkste Ausdruck dafür sei die verlässliche Partnerschaft vor allem in Ehe und Familie. "Dann ist das Teilen der Lebenschancen noch sehr viel enger, dann darf keiner den anderen aufgeben und nach einer gewissen Zeit abhängen."

Allerdings gebe auch "Grenzen des Erträglichen", sagte Lehmann: "Die Ressourcen der Solidarität und Liebe sind nicht unerschöpflich. Wenn der Mensch auf Dauer sich auch nicht mehr um sich selbst sorgt, kann er in seiner wahren Identität tief geschädigt werden." Im Menschen schlummerten dabei aber oft Kräfte, die "uns zu viel mehr fähig machen, als wir oft denken". Darauf dürfe man vertrauen und sich mehr zumuten. Dem Christen helfe dabei besonders auch der Glaube an einen "mitwandernden Gott".

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 0 des 57. Jahrgangs (im Jahr 2007).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Montag, 16.04.2007

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