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Aus der Region

Prophezeiung noch nicht erfüllt:

Zum dritten Mal Passionsspiele in Küllstedt

Zum dritten Mal Passionsspiele in Küllstedt: Judas (in der Bildmitte) als begeisterter Wortführer beim Einzug Jesu in Jerusalem.

Küllstedt - Nach 1996 und 2001 haben an den vergangenen beiden Wochenenden zum dritten Mal in Küllstedt Passionsspiele stattgefunden. Über 4000 Zuschauer sahen die Geschichte vom Leiden und Sterben Jesu.

140 Küllstedter im Alter von sechs bis 76 Jahren haben mitgespielt. Mit allen, die organisatorische, technische oder andere Aufgaben zu erfüllen hatten, waren 320 Leute beteiligt. Sechs Aufführungen -jede drei Stunden lang -haben stattgefunden, und die Pfarrkirche war jedesmal mit etwa 700 Zuschauern gefüllt, nur einzelne Stehplätze blieben frei. Dreieinhalb Stunden nach Beginn des Vorverkaufs am 1. März waren die Vorstellungen bereits fast ausverkauft (vom Erlös soll ein Fond zur Sanierung der Orgel in der Kirche gegründet werden). Das Echo in den Medien war enorm. Wolfgang Montag und seine Mitstreiter Roland Schmerbauch und Justina Mathias sowie alle Beteiligten freuen sich über diesen Erfolg.

    Küllstedter erhalten ihre Dorfgemeinschaft

Für Spielleiter Wolfgang Montag zeigen die Küllstedter Passionsspiele vor allem eins: "1990 haben uns Leute vorhergesagt, dass es auch bei uns nicht mehr lange dauern wird, bis die Dorfgemeinschaft zerfällt und jeder nur noch an sich denkt. Diese Prophezeiung hat sich zumindest für Küllstedt bisher nicht erfüllt. Wir gehören noch nicht zu den toten Dörfern." Dass das so ist, liegt für ihn vor allem daran, dass viele sich nach wie vor für das Ganze engagieren -und das über alle sozialen Unterschiede hinweg, die sich inzwischen durchaus entwickelt haben. "Beim Passionsspiel machen alle mit -vom arbeitslosen Jugendlichen bis zum Medizinstudenten, von der Hausfrau bis zur Diplom-Mathematikerin." Diese gemeinsame Erfahrung prägt: "Wir werden uns anders grüßen, wenn wir uns jetzt im Dorf begegnen", ist Wolfgang Montag überzeugt.

In einer Zeit, in der so viele vom Werteverfall geredet werde, bemühen sich die Küllstedter zu erhalten, "was uns erhaltenswert erscheint". Und da reihen sich die Passionsspiele in viele andere Aktivitäten der 1500 Einwohner zählenden Gemeinde ein -von der Walldürn-Wallfahrt über das Schützenfest bis zur Kirmes. Es sind vor allem lebendige Vereine, die Verantwortung für den Ort wahrnehmen. Auf die Frage, ob die Passionsspiele in ein paar Jahren wiederholt werden, gibt es deshalb für Wolfgang Montag auch eine ganz einfache Antwort: "Das beantwortet das ganze Dorf. Wer Passionsspiele möchte, muss dafür etwas tun."

Deshalb will Wolfgang Montag auch nicht von einer Tradition der Passionsspiele sprechen. Und erst recht ist Küllstedt kein zweites Oberammergau im Osten Deutschlands. Aber gefreut haben sich die Küllstedter trotzdem, dass unter den Besuchern in diesem Jahr der Bürgermeister von Oberammergau war, der selbst in der dortigen Passion mitspielt. "Er hat uns beglücktwünscht, dass wir unseren eigenen Weg gefunden haben", sagt Wolfgang Montag.

Zwar gehen die Anfänge der Küllstedter Passion auf Bücher über Oberammergau zurück. Doch von Anfang an setzen die Küllstedter eigene Aktente. Ein Akzent ist der Verzicht auf Gewaltdarstellungen: "Wir haben keine Gedanken auf am Körper versteckte Plastikbeutel mit roter Farbe verschwendet. Die brutalen Szenen verschwinden bei uns im Dunkeln." Bevor Jesus ans Kreuz genagelt wird, geht in der Kirche das Licht aus. Die entsprechende Passage der Passionsgeschichte wird vorgelesen. "Und wenn es wieder hell ist, hängt Jesus schon am Kreuz."

    "Warum ich? Es sind doch genügend andere da!"

Die Küllstedter versuchen außerdem, ihre Zuschauer direkt ins Geschehen hineinzunehmen, etwa wenn es etwa darum geht, einen Helfer für Jesus zu suchen, der ihm das Kreuz trägt, und Simon von Cyrene auf das Publikum verweist: "Warum ich? Es sind doch genügend andere da."

Wichtig sind auch aktuelle Bezüge. "Wir halten uns an die biblische Erzählung, besonders wenn es um die bekannten Sätze geht, die in der Passion gesprochen werden." Auf der anderen Seite aber bleibt auch Freiraum, um beispielsweise mit Pilatus über die Frage von Verantwortung nachzudenken, und wie Verantwortliche versuchen, sich ihr zu entziehen. Oder wenn es bei der Sitzung des Hohen Rates darum geht, dass Gremien sich gerne mit Leuten schmücken, die Ansehen genießen, aber auf ihre Meinung, wenn sie nicht ins Konzept passt, keinen Wert legen. "So etwas kennt der Zuschauer auch von heute." Wolfgang Montag: "Wir bieten dem Zuschauer eine Begegnung mit der biblischen Geschichte an. Was er davon mitnimmt, ist seine Sache." Die Küllstedter Passionsspiele sind kein Theaterstück, sondern eine Interpretation der Evangelientexte.

Vor jeder Aufführung betet einer der Apostel-Darsteller mit allen Beteiligten ein Vaterunser für gutes Gelingen. "Wir sind nicht frommer als andere", meint Wolfgang Montag. Und doch ist er überzeugt: "Diese Begegnung mit der christlichen Botschaft bringt uns allen etwas."

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 0 des 57. Jahrgangs (im Jahr 2007).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Sonntag, 08.04.2007

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