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Aus der Region

Ein Miteinander auf Augenhöhe

Deutschland braucht ein Bildungssystem der gegenseitigen Achtung: Eine Tagung in Zwochau

Während der Tagung in Zwochau:

Zwochau - Die Zukunft des Landes hängt davon ab, wie Bildung und Erziehung gestaltet wird. Mitglieder der Fokolar- Bewegung beschäftigten sich deshalb mit der Bildungs- Baustelle Deutschland.

Katastrophale Ergebnisse bei der "Pisa-Studie" und akuter Ausbildungsmangel. Überforderte Eltern und frustrierte Lehrer. Das Bildungs- und Erziehungssystem in Deutschland hat nicht den besten Ruf -und die Diskussion um Kinderkrippenplätze zeigt wieder einmal mehr die Ratlosigkeit der Politik. Vereinbarkeit von Familie und Berufstätigkeit Ja, aber um welchen Preis und vor allem: in welcher Preislage. Erziehung und Bildung erscheint immer mehr als Luxus -als etwas, was man sich nicht leisten kann oder will.

    Erziehung braucht klare Zielsetzungen

Dass davon jedoch das Überleben der Gesellschaft abhängt, ist bestenfalls in Sonntagsreden zu hören. Zudem geht es immer wieder um den berühmten Bildungsstandort Deutschland, der einst zu den besten der Welt zählte. In welcher Bildungs-Zukunft will diese Gesellschaft also leben? Was muss verbessert werden und wo braucht es den Mut zur Veränderung? Nur einige Fragen, die auf einer Tagung der Fokolar-Bewegung in Zwochau gestellt wurden. Bildungsinhalte waren dabei zunächst nebensächlich: Es muss offenbar grundsätzlich etwas passieren.

Ein gutes pädagogisches Konzept, braucht klare Zielsetzungen, ist die Dresdner Religionspädagogin Monika Scheidler überzeugt. Das könne die Schule jedoch nicht allein leisten, sondern funktioniere nur im Zusammenspiel von Eltern und Erziehern. Den Kindern und Jugendlichen das Gefühl zu geben, dass man an "einem Strang" ziehe, sei dabei ebenso wichtig, wie nachvollziehbare Kriterien, nach denen sich die Ziele ausrichten: Was ist erstrebenswert oder was nicht? Was dient dem Leben oder was schadet ihm. Scheidler macht sich dabei nicht nur für das Mitwirken der Eltern stark, sondern der Schüler selbst. Das Verhältnis von Schüler und Lehrer, Kind und Erzieher dürfe jedoch kein Oben und Unten sein, sondern ein Miteinander auf Augenhöhe. "Es ist die höchste Kunst, den anderen so anzunehmen und wertzuschätzen, wie er ist." Nötig seien dabei "kleine Schritte im Horizont großer Ziele". Klar müsse die Blickrichtung sein, und das Ziel, auf das man gemeinsam zusteuert.

Die Realität sieht freilich anders aus: Gewalt an den Schulen, Lustlosigkeit, Jugend ohne Perspektive. Der deutsche Schulalltag scheint die besten Bildungskonzepte Lügen zu strafen. Der Berliner Lehrer Ralf Kennis wollte seinen Beruf aufgeben, weil er nicht mehr weiter wusste. Pädagoge zu sein erschien ihm sinnlos, weil er sich scheinbar umsonst abmühte.

    Liebe als oberstes Prinzip der Erziehung

Was die Bildung und Erziehung heute nötig habe, sei die schlichte Erkenntnis, dass man durch das Leben lernt und dass sich die Persönlichkeit des Schülers vor allem durch Zuwendung entfaltet. "Die Liebe muss das oberste Prinzip sein", sagt Kennis, der durch einen Bildungskongress der Fokolar- Bewegung wieder neuen Mut gefasst hat. Die Erziehung dürfe dabei nichts Statistisches werden, was man einmal unumstößlich festlegt, denn der Mensch entwickele sich, mache Fortschritte und erleide Rückschläge. "Der richtige Weg muss immer wieder neu gesucht und gefunden werden."

Das erfordert jedoch die größte Aufmerksamkeit und intensive Beobachtung, ist die Erfahrung der Leipziger Erzieherin Elisabeth Kuschnik, die in einer kommunalen Kindertagesstätte arbeitet. Bildung und Erziehung lassen sich nicht trennen, sondern gehören zusammen. Bildungsthemen dürften an die Kinder und Jugendlichen nicht nur "von außen" herangetragen werden: "Man muss vor allem herausfi nden, was bei ihnen gerade Thema ist." Lehrpläne könnten allenfalls den Rahmen bilden, an dem sich der Pädagoge orientiert. Kinder und Jugendliche als eigenständige Persönlichkeiten anzuerkennen sei die Voraussetzung dafür, dass Bildung und Erziehung gelingen.

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 0 des 57. Jahrgangs (im Jahr 2007).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Sonntag, 01.04.2007

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