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Bistum Dresden-Meißen

Die tun was:

Die Aktion "Neu anfangen" hat rund um Borna etwas in Bewegung gebracht

Ein Akteur: Erwin Rümenapp

Borna - Ein Jahr ist es her, dass die Initiative "Neu anfangen" in der Region um Borna in ihrer heißen Phase steckte. Was ist geblieben von dem Vorhaben, den christlichen Glauben südlich von Leipzig ins Gespräch zu bringen?

"Ich war anfangs skeptisch", erinnert sich Erwin Rümenapp aus Deutzen. Er wusste, dass Menschen zu Hause besucht werden sollten -"das klang für mich nicht gerade katholisch, eher nach den Zeugen Jehovas oder den Mormonen" -und dass Anrufe geplant waren -"Man wird doch heutzutage von allen möglichen Leuten angerufen. Ob das was bringt?" Stärker als die Skepsis war jedoch seine Neugier auf die Realität. Erwin Rümenapp wollte jedenfalls nicht zu denen gehören, die einem möglicherweise doch verheißungsvollen Projekt schon vor der Geburt den Todesstoß versetzen. Der Ruheständler ging zum ökumenischen Eröffnungsgottsdienst des Projektes und als er kurz darauf gefragt wurde, ob er einen Beitrag für ein geplantes Buch mit christlichen Glaubenszeugnissen aus der Region schreiben würde, sagte er zu.

Er knüpfte seinen Beitrag an ein Erlebnis, das er vor Jahrzehnten im marxistischen Philosophieunterricht während des Studiums hatte. Da die Welt erkennbar sei, brauche man keine Religion, hatte der Dozent ausgeführt. Auf Erwin Rümenapps Einwurf, wie er denn die Welt als erkennbar bezeichnen könne, da sie doch unendlich sei in Raum und Zeit, gab er keine Antwort. In dem Buch, das Mitbürgern am Telefon als Geschenk angeboten werden sollte, könnte sein Artikel Aufhänger für Gespräche mit Materialisten sein, hoffte der Autor.

Da war es für ihn nur konsequent, sich auch als Telefonist zur Verfügung zu stellen. Nach einer vorausgegangenen Schulung saß er zwei Wochen lang allabendlich gemeinsam mit neun anderen Freiwilligen in der Neukieritzscher "Neu anfangen"-Telefonzentrale und versuchte, insgesamt 50 Menschen zu erreichen. Seine Befürchtungen erfüllten sich nicht. Die Zahl derer, die das Buchgeschenk annehmen wollten, war zwar kleiner als erwartet, schroffe Ablehnung erlebte er am Telefon aber nicht. Hier und da begründeten die Gesprächspartner ihr mangelndes Interesse mit persönlichen Enttäuschungen durch Christen: den Pfarrer beispielsweise, der in einem entscheidenden Augenblick nicht die Hand gegeben hatte, oder die unkooperative kirchliche Friedhofsverwaltung ...

Im Monat darauf riefen Erwin Rümenapp und die anderen Telefonisten in den insgesamt fünf Telefonzentralen all jene an, die sich für das Buch interessiert hatten, sprachen mit ihnen darüber und fragten sie, ob sie Interesse an einer Gesprächsrunde oder einem Hausbesuch hätten. Mancher hatte in den kurzen Lebensgeschichten des Buches Parallelen zum eigenen Leben entdeckt. Während sich daraufhin andernorts Gesprächsrunden bildeten, die noch heute fortbestehen, gab es in Neukieritzsch nur einen einzigen Gesprächstermin. Die unterschiedlichen Interessen der Teilnehmer unter einen Hut zu bekommen, war nicht ganz einfach: Da waren suchende Menschen, aber auch solche, die an einer kontroversen Diskussion interessiert waren. Dennoch sieht Erwin Rümenapp die Anstöße, die von "Neu anfangen" ausgingen, positiv -nicht zuletzt auch für sein eigenes Leben. "Neu anfangen" hat ihn motiviert, bewusster Zeugnis von seinem Glauben zu geben, auch in kleinen äußeren Zeichen. Seit kurzem klebt ein Fischaufkleber an seinem Wagen -mit Auswirkungen auf sein Fahrverhalten. Wenn er versucht ist, zu schnell zu fahren oder riskant zu überholen, fällt ihm ein "Die Fahrer hinter mir sehen jetzt: so fährt ein Christ."

Pfarrer Waldemar Styra teilt die positive Einschätzung des Projektes. Erfreut ist er besonders über die positiven Auswirkungen auf die ohnehin schon guten ökumenischen Beziehungen in der Region. Einen "großen Schub für die Ökumene" verzeichnet auch der evangelische Superintendent Matthias Weismann. "Wir haben einen Stand erreicht, hinter den wir nicht mehr zurückkönnen." Gegenwärtig beraten Vertreter aller in der Region vertretenen Konfessionen über ein Nachfolgeprojekt.

Knapp 20 000 Telefonnummern sind während der Aktion angewählt worden, mehr als 12 000 Teilnehmer haben die Anrufer erreicht. Infolgedessen wurden fast 7000 Bücher überbracht, etwa 700 Menschen folgten den Einladungen zu den anschließenden Gesprächsrunden -statistisch haben sich die vorausgegangenen Schätzungen der Initiatoren nicht erfüllt. "Mir ging es aber nie um messbare Ergebnisse", sagt die Bornaer Katholikin Gina Blüthner, die sich in der Arbeitsgruppe Spiritualität eingebracht hat. Sie erzählt von spannenden Begegnungen mit suchenden Menschen, die durch die Aktion berührt wurden. "Ob das sofort aufbricht, in fünf Jahren oder vielleicht erst am Sterbetag, das möchte ich in Gottes Hand legen", sagt sie.

"Statistische Zahlen spiegeln nicht wider, was sich im Bewusstsein der Menschen verändert", denkt auch Superintendent Weismann. "Wir haben viele Menschen erreicht, mit denen wir sonst sicher nie in Kontakt gekommen wären", erzählt er. Unter anderem denkt er an einen Offizier, der sein bisheriges Leben in Frage gestellt hat und einen Schritt auf Kirche zugegangen ist. Gesprächsangebote in kirchlichen Räumen seien deutlich weniger angenommen worden als die Gesprächsrunden in einer Bibliothek, in einem Biergarten oder einem Fleischerladen. Einen Imagegewinn hätten die Kirchen nicht zuletzt der kontinuierlichen Berichterstattung über "Neu anfangen" in der Lokalzeitung zu verdanken. Einen bekannten Slogan aus der Autowerbung bezöge mancher nun auch auf die Christen: "Die tun was"

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 0 des 57. Jahrgangs (im Jahr 2007).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Sonntag, 01.04.2007

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