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Aus der Region

Der Name Erfurt öffnet Türen:

Katholisch-Theologische Fakultät Erfurt lädt zu Alumni-Treffen ein

Erfurt (tdh) - Seit 1952 gibt es in Erfurt eine katholische theologische Hochschule, zuerst als kirchliche Einrichtung, jetzt als Fakultät an der Universität. Der Tag des Herrn stellt einige Absolventen vor. Anlass ist das Alumni-Treffen, das vom 29. April bis 1. Mai in Erfurt stattfindet (siehe Hinweis).

Kaufmännische Ausbildung oder Oberschule? Musik- oder Theologiestudium? Der Görlitzer Domkapitular Herbert Pollack (70) stand schon früh an Weggabelungen des Lebens.

Er hat sich für die Oberschule, dann fürs Theologiestudium entschieden und ist Priester geworden. Das war 1962. Er ist damit einer der vielen Priester im Osten Deutschlands, die ihre Ausbildung ganz oder teilweise in Erfurt erhalten haben. Pollack war von 1955 bis 1960 dort Alumne, in einer Zeit also, als Hochschule und Priesterseminar noch in den Kinderschuhen steckten.

Bereits damals hat er die Einrichtungen in einer immer säkularisierteren Welt als Bildungsoasen empfunden, die nicht nur Freiräume schafften, sondern in denen klares Denken gefordert war. Sein Vorbild und Lehrer war der erste Regens und Philosophieprofessor Erich Kleineidam, bei dem er auch seine Abschlussarbeit geschrieben hat: Über Marx und Lenin.

Herbert Pollack hat wohl geahnt, dass ihm dies einmal zugute kommen würde. Die Zeichen für das Christentum standen in der DDR -besonders in der 50er Jahren -auf Sturm. "Aber für die Auseinandersetzung mit den staatlichen Stellen war ich durch das Studium gerüstet." Auf seinem Weg will Pollack die Jahre in Erfurt nicht isoliert betrachten: Wichtig war ebenso die Sprachenausbildung in Halle, besonders aber das Pastoralseminar in Neuzelle, "das mich geistlich sehr geprägt hat."

Heute sind unter den Studenten in Erfurt nur noch wenige Priesteramtskandidaten. Dafür, dass die Zahl immer weiter zurückgegangen ist, gibt Pollack nicht nur dem verordneten Atheismus in der DDR oder den allgemein sinkenden Katholikenzahlen in der pluralistischen Gesellschaft die Schuld. "Was uns verloren gegangen ist, besonders in den Familien, ist eine selbstverständliche Alltagsfrömmigkeit. Der regelmäßige Besuch von Gottesdiensten -auch an Werktagen -Andachten oder das gemeinsame Gebet von Eltern und Kindern." Nur in dieser Atmosphäre könnten Berufungen wachsen. Eine Kritik an die Adresse des eigenen Standes ist dabei nicht zu überhören. "Wenn wir als Geistliche nicht mehr täglich Eucharistie feiern, fehlt etwas Entscheidendes."

Auch wenn Herbert Pollack das Pensionsalter erreicht hat, ist er noch aktiv. Nach vielen Jahren als Gemeindepfarrer in Weißwasser und Cottbus ist er seit vorigem Jahr Stellvertreter des Diözesanadministrators des Bistums Görlitz. Nicht in dieser, aber in seiner Eigenschaft als Domkapitular hat er zurzeit eine besondere Aufgabe: Einen neuen Bischof für sein Bistum mit zu wählen.

Zu DDR-Zeiten konnten am damaligen Philosophisch-Theologischen Studium in Erfurt in der Regel nur Männer studieren, die sich auf den Priesterberuf vorbereiteten. Reiner Instenberg (44) aus Stendal und Bernhard Holfeld (43) aus Dresden hatten sich in den 80er Jahren auf diesen Weg gemacht. Beide haben das Studium 1988 beendet, haben sich dann aber neu orientiert: Sie sind nicht Priester, sondern Familienväter geworden. Reiner Instenberg ging in die Politik und Bernhard Holfeld wurde Journalist.

Reiner Instenberg ist wissenschaftlicher Mitarbeiter und Büroleiter bei einem Bundestagsabgeordneten in Stendal. Reden schreiben, Gesprächsnotizen anfertigen, Protokolle verfassen, sich aus Gesprächen ergebende Vorgänge bearbeiten, Bürgern und deren Anliegen "Türen öffnen", Termine koordinieren, Briefe schreiben, Kontakte herstellen, so beschreibt er seine Arbeit. Auch wenn er seine Arbeitszeit dabei frei gestalten kann -"vorausgesetzt, das Erforderliche ist pünktlich erledigt" -, geht der Dienst oft bis in die Nacht hinein. Dazu kommt noch, dass Reiner Instenberg ehrenamtlicher SPD-Fraktionsvorsitzender im Stadtrat Stendal ist. In den zurückliegenden Jahren hat er sich außerdem in Sachen Projektmanagement weitergebildet, vor allem im Organisations- und Kommunikationsmanagement, darunter auch im Blick auf Pressearbeit.

"Mit kirchlichen Fragen habe ich in meinem Beruf wenig zu tun", sagt Reiner Instenberg. Aber es gibt durchaus Berührungspunkte bei Themen, etwa, wenn es um den Klimawandel und erneuerbare Energien geht. Vom Studium profitiert er bis heute, nicht nur im persönlichen Leben, sondern auch "wenn es darum geht, mir eine Thematik zu erarbeiten, schnell die richtigen Quellen dafür zu finden.

Oder jemandem gut zuzuhören. Oder Sachverhalte zusammenzufassen. Das Studium in Erfurt war für mich eine der besten Zeiten im Leben."

Bei der Entscheidung, wie nach dem Studium in Erfurt der Lebensweg für Bernhard Holfeld weitergegangen ist ("Soll ich den Zölibat leben oder nicht?"), "hat der liebe Gott sehr aktiv geholfen. Er hat mich zum Ende des Studiums meine Frau kennenlernen lassen. Inzwischen sind wir über 15 Jahre verheiratet und haben vier Kinder." Die eigentliche berufliche Neuorientierung kam während der friedlichen Revolution. Bernhard Holfeld arbeitete damals als Krankenwagenfahrer. "Während einer Demonstration lief ich neben dem damaligen Seelsorgeamtsleiter und es kam die Idee: Jetzt kann uns als Kirche eigentlich niemand mehr Pressearbeit verbieten." Innerhalb eines Dreivierteljahres entstand die Pressestelle des Bistums Dresden-Meißen. "Nach einiger Zeit, begann ich auch Radio zu machen -beim Sachsenradio.

Zu diesem Medium zog es mich immer mehr, und mit der Gründung des MDR war ich ihm dann verfallen, wechselte zwischenzeitlich zum Deutschlandfunk und bin nun wieder beim MDR."

Hier ist Bernhard Holfeld seit fünf Jahren Programmchef von "MDR 1 Radio Sachsen, dem Radioprogramm, das mit Abstand den größten Hörerzuspruch in Sachsen hat", wie er stolz sagt. Mit 50 festen und 70 freien Mitarbeitern arbeitet er dabei zusammen. "Täglich besprechen wir das Programm, planen, über welche Themen wir wie berichten. Ich muss mich außerdem mit der Musikredaktion darum kümmern, welche Titel für unsere Hörer die richtigen sind. Wir organisieren Höreraktionen, arbeiten an technischen Weiterentwicklungen, und das alles nicht mit jährlich mehr Geld im Etat -denn im MDR-Gebiet sinkt die Zahl der Gebührenzahler -und damit heißt es auch für uns: einsparen."

Sein Theologiestudium sieht auch Bernhard Holfeld positiv: "Ich habe davon während der friedlichen Revolution, beim Aufbau der bischöflichen Pressestelle und bei meinem Beginn im Radio sehr profitiert. Vor allem, dass in Erfurt objektiv und wahrheitsgetreu gelehrt wurde, ohne Tabus und Zensur, das war ein Vorteil für meinen Weg." Mehr als vom Studium zehrt er aber bis heute von den geistlichen Fundamenten, die im Priesterseminar und durch gute Vorbilder gelegt wurden. "Der praktische Glaubensalltag war mir immer wichtiger als die theologische Theorie, so gern ich manche Fächer -nicht alle -hatte."

Maria Ludewig (50) ist Gemeindereferentin in der Chemnitzer St. Josephs-Gemeinde. Von 1984 bis 1988 hat sie in Erfurt studiert. "Das war für mich die Erfüllung eines Wunsches, die eigentlich unmöglich schien." Frauen waren zu DDRZeiten als Studentinnen eine Ausnahme, denn das Studium diente -und darauf achtete auch der Staat -der Priesterausbildung. In den 60er Jahren wurde dann aber doch ein Studiengang für Frauen eingerichtet: das Edith-Stein-Seminar.

Und Maria Ludewig ist eine von etwa 40 Absolventinnen. "Nach meiner Ausbildung als Gemeindereferentin war ich sehr froh über diese zusätzliche Möglichkeit. Es war eine ausgezeichnete Ergänzung meiner vorherigen Ausbildung." Die Beschäftigung mit der Theologie war für sie dabei oft sehr überraschend: "Mir sind eine Menge ,Kronleuchter' aufgegangen. Das hat mir geholfen, objektiver mit meiner Arbeit umzugehen und weniger, aber dann ganz bewusst, meinen persönlichen Glauben zu verkünden. Auch war es sehr hilfreich, über den eigenen Kirchturm hinaus zu schauen."

Die politischen Veränderungen 1989/90 änderten für die Erfurter Hochschule manches. Aus der kirchlichen Einrichtung wurde eine Fakultät an der Universität. Das Studium steht nun jedem -Frau oder Mann -offen.

Die Ausbildungsrichtungen sind vielfältiger geworden. Guido Erbrich (42) hat von 1990 bis 1996 in Erfurt und außerdem in Prag und New Orleans Theologie studiert. Die Entscheidung fiel noch zu DDR-Zeiten: "Es war eine der wenigen Möglichkeiten ein ideologiefreies geisteswissenschaftliches Studium zu absolvieren. Außerdem wollte ich anfangs Priester werden." Nach der friedlichen Revolution waren dann die Möglichkeiten für Laientheologen plötzlich so vielfältig. Viele Tätigkeiten konnten innerhalb der Kirche übernommen werden. Zuerst arbeitete Guido Erbrich in der Jugendseelsorge des Bistums Dresden-Meißen. Heute ist der Familienvater (zwei Töchter) Studienleiter und Referent im Bischof- Benno-Haus in Schmochtitz und Leiter der Katholischen Erwachsenenbildung Sachsen.

In Erfurt hat ihm besonders die einzigartige Lernatmosphäre gefallen: "Jeder kennt jeden und Professoren und Studenten begrüßen sich mit Handschlag. Das geistige Klima war sehr weit. Von den meisten Vorlesungen, auch von Professoren, die mir nicht so lagen, habe ich profitiert. Die Theologie war geerdet, die pastorale Situation vor Ort und die geistige Situation in Ostdeutschland waren immer als Hintergrund präsent." Dass ist wohl auch der Grund für eine Erfahrung, die Guido Erbrich nach seinem Studium gemacht hat: "Der Name Erfurt öffnet im Osten sehr viele Türen."

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 12 des 57. Jahrgangs (im Jahr 2007).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Donnerstag, 22.03.2007

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