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Bistum Dresden-Meißen

Angeschaut und beim Namen gerufen

Schwester Claudia-Maria Schwarz – Christliches Lebenszeugnis in der Chemnitzer Bahnhofsmission

Schwester Claudia-Maria Schwarz Chemnitz - Als Schwester Claudia- Maria Schwarz als Erzieherin in Baden-Württemberg arbeitete, waren Familien ohne kirchlichen Hintergrund die Ausnahme. In der Bahnhofsmission Chemnitz, die sie seit 2002 mit einem evangelischen Kollegen leitet, haben christliche Gäste Seltenheitswert.

"Die meisten unserer Besucher stehen der Kirche fern, aber sie wissen genau, dass wir dazugehören", erzählt Schwester Claudia- Maria. Mit frommen Worten geht die Schwester der Ordensgemeinschaft vom göttlichen Erlöser in den schlichten Räumen am Rande des Chemnitzer Bahnhofs eher sparsam um. Mit ihrem Team aus Haupt- und Ehrenamtlichen versucht sie so zu leben, dass die Gäste an ihrem Miteinander ablesen können, worum es ihnen geht.

Nicht alle nennen es christliche Nächstenliebe. Auch Nichtchristen gehören zum Team, die reden lieber von Mitmenschlichkeit. "Ein Taufschein wäre allein zu wenig, um unseren Auftrag hier gut erfüllen zu können. Wichtiger ist es, das Herz am rechten Fleck zu haben und die Würde derer zu achten, die herkommen", erläutert die Schwester. Obdachlose gehören zu den Stammgästen, Menschen, die ihre Arbeit verloren haben und damit nicht zurechtkommen, Langzeitarbeitslose, psychisch Angeschlagene, Einsame, die nicht ohne Weiteres neuen Kontakt finden, nachdem ihre Plattenbauwohnung dem Abriss zum Opfer fiel, viele sind abhängig von Alkohol oder anderen Drogen.

Sie kommen her, weil sie hier jeden Tag jemanden finden, jemanden zum Reden, wenn ihnen danach ist, und wenn nicht, jemanden, der sie schweigen lässt und sie nicht drängt, seinen Namen zu sagen. Wer doch seinen Namen verrät, wird beim nächsten Besuch namentlich angesprochen. Schon oft hat Schwester Claudia-Maria gesehen, wie dabei ein Leuchten über das Gesicht des Angeredeten ging.

Eine neue Erfahrung: Jemand sorgt sich um einen

Die Würde der Gäste achten, das bedeutet auch, ihnen zuhören, wenn sie zum neunten Mal das Gleiche erzählen. Wenn sie es nicht schaffen, Ratschläge für den Ausweg aus ihren Problemen in die Tat umzusetzen, kann es heißen, einfach gemeinsam mit ihnen die Situation auszuhalten. Eine Frau Mitte fünfzig, die zu den Stammgästen gehört, kam plötzlich nicht mehr. Nach einigen Tagen begannen sich die Mitarbeiter der Bahnhofsmission zu sorgen und suchten sie monatelang. Eines Tages erschien sie wieder und war tief bewegt, als die Schwester zu ihr sagte: "Wir haben uns Sorgen um Sie gemacht." Offenbar hatte sie nie zuvor erlebt, dass sich ein Mensch um sie sorgt. "Wenn ich mal wieder weggehe, sag ich euch Bescheid", versprach die Frau. Nach einer ganzen Zeit blieb sie wieder aus. Bald darauf kam eine Postkarte aus dem Gefängnis: "Bin schwarzgefahren. Bin in drei Wochen wieder da."

Jeder Tag beginnt in der Bahnhofsmission mit einer kleinen Andacht der Mitarbeiter. "Wir stellen den Tag unter Gottes Schutz. Ohne seine Kraft würden wir hier vieles gar nicht schaffen", sagt Schwester Claudia-Maria. Immer wieder folgen auch Gäste der Einladung, an der Morgenandacht teilzunehmen. Eine lange Zeit hindurch kam beispielsweise täglich ein Mann, der eine Fußamputation vor sich hatte, die ihm große Angst machte. Als er ins Krankenhaus musste, gab ihm der Gedanke Trost, dass in der Andacht nun für ihn gebetet wird. Er wusste auch von der Kerze, die den ganzen Tag über in der Bahnhofsmission für die Anliegen aller Gäste und Mitarbeiter brennt.

Hoffnung, dass nach dem Tod jemand an einen denkt

Besonders gut besucht sind die Andachten zu Heilig Abend in der Bahnhofshalle. Viele Gäste befällt an diesem Fest Sehnsucht nach etwas, an das sie sich nur noch vage aus ihrer Kindheit erinnern. An der Krippe werden während der Weihnachtsandacht Kerzen aufgestellt für alle im Jahr zuvor Verstorbenen. Schwester Claudia- Maria erinnert sich an einen Obdachlosen, der in einem Jahr bei der Weihnachtsfeier alles wie ein Schwamm in sich aufnahm. Wochen später fragte er: "Macht ihr das mit der Kerze auch mit mir?" Die Schwester verstand, dass es ihm wichtig war zu wissen, dass er nach seinem Tod nicht vergessen sein würde. "Wenn wir von ihrem Tod erfahren, wird eines Tages sicher auch für Sie hier eine Kerze angezündet", versprach sie, ohne zu ahnen, dass bereits beim folgenden Weihnachtsfest die Kerze für den Mann brennen würde. Kurz darauf wurde er von einem Auto erfasst.

Wenn einer der Stammgäste stirbt, gestalten die Mitarbeiter der Bahnhofsmission für ihn eine Todesanzeige, die einige Wochen lang im Gästeraum ausgehängt wird. Besonders, wenn jemand plötzlich zu Tode kommt, haben die Gäste das Bedürfnis zu reden über das, was sie nach dem Tod erwartet. Manchmal möchten sie auch freudige Ereignisse mit den Frauen und Männern der Bahnhofsmission teilen. Vor einiger Zeit heirateten zwei Stammgäste und kamen nach der standesamtlichen Zeremonie in Brautkleid und Anzug spontan in der Bahnhofsmission vorbei, wo die Mitarbeiter schnell ein Hochzeitskaffeetrinken improvisierten.

Wenn Schwester Claudia-Maria abends nach Hause geht, ist sie froh über die Möglichkeit, Gott all die Menschen und ihre großen Sorgen anvertrauen zu können. Was von ihrem christlichen Zeugnis auf jeden Einzelnen überspringt, weiß sie meistens nicht: "Auch das ist etwas, was wir ruhig Gott überlassen können."

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 11 des 57. Jahrgangs (im Jahr 2007).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Donnerstag, 15.03.2007

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