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Bistum Erfurt

Mehr als eine große Wallfahrt

Rückblick auf das Elisabeth-Jubiläum 1981 in Erfurt

65 000 Katholiken aus allen Teilen der DDR und viele Gäste aus dem Ausland nahmen am Abschlussgottesdienst des Elisabeth-Jubiläums im September 1981 in Erfurt teil. Foto: Archiv Erfurt (tdh) - Über 65 000 katholische Christen aus der ganzen DDR nahmen im September 1981 an der Feier des Elisabeth-Jubiläums in Erfurt teil. Für den Erfurter Kirchenhistoriker Josef Pilvousek war das Fest mehr als eine große Wallfahrt. Es war ein Katholikentreffen.

In der Geschichte der katholischen Kirche in der DDR war das Katholikentreffen vom 10. bis 12. Juli 1987 in Dresden ein Meilenstein. Bis zu 100 000 katholische Christen aus allen Teilen der DDR waren angereist, um an den verschiedenen Veranstaltungen teilzunehmen. In so großer Zahl war die katholische Kirche bis dahin in der Öffentlichkeit nicht in Erscheinung getreten. Das Dresdner Katholikentreffen war das erste und einzige, das zu DDR-Zeiten stattfand, so der offizielle kirchliche Sprachgebrauch. Für den Erfurter Kirchenhistoriker Josef Pilvousek hat es schon sechs Jahre zuvor ein DDR-weites Katholikentreffen gegeben: die Feiern anlässlich des 750. Todestages der heiligen Elisabeth von Thüringen im September 1981 in Erfurt. "Sie waren ursprünglich im Rahmen einer größeren Herbstwallfahrt geplant, entwickelten sich aber zu einem DDR-weiten ,Katholikentreffen‘." Das Elisabeth-Jubiläum gelte heute als Ausgangspunkt einer zentralen Wallfahrt der Katholiken in der DDR, wie sie mit dem Dresdner Katholikentreffen realisiert wurde.

Einschätzung von staatlicher Seite

Staatliche Stellen in der DDR schätzten diese Jubiläumsfeier schon früh dementsprechend ein. Pilvousek fand einen Beleg in einem staatlichen Handbuch über die katholische Kirche in der DDR: "Als Beispiel für die Gestaltung von Katholikentreffen aller Jurisdiktionsbezirke der DDR könnte das 1981 in Erfurt durchgeführte Jubiläum der 750. Jahrfeier der heiligen Elisabeth mit etwa 50 000 Teilnehmern gelten. In der zu diesem Anlass veranstalteten Festwoche erschienen fast 50 Prozent aller Priester der katholischen Kirche in der DDR. Eine Lichterprozession wurde durchgeführt, ein ganzer Zyklus von Kirchenkonzerten, ein Festgottesdienst mit 300 Delegierten aus allen Jurisdiktionsbezirken in der DDR, Gästen aus diakonischen Ämtern sowie aus dem Ausland fand statt. Anwesend waren drei Kardinäle, 13 Bischöfe, 700 Priester, 500 Ordensfrauen. Höhepunkt war das Pontifikalamt am 20. September 1981 mit etwa 50 000 Gläubigen aus allen Teilen der DDR."

Solche großen Treffen, wie sie 1981 in Erfurt und 1987 in Dresden stattfanden, waren erst in den 80er Jahren möglich. Pilvousek: "Die katholische Kirche in der DDR war Ende der 70er Jahre endgültig in der DDR-Wirklichkeit angekommen, das heißt, sie hatte ihren kirchenpolitischen Spielraum weitgehend ausgelotet und sich darauf eingestellt. Damit war sie aber auch an die Grenzen ihrer Außenwirkung gestoßen. Denn die Fixierung auf Staat und sozialistische Gesellschaft konnte nur bedeuten, auf Distanz zum totalitären System zu gehen, um Konflikten auszuweichen oder nicht vereinnahmt zu werden. Grundkonsens war, einen mühsam erreichten ,Status quo‘ zwischen Staat und Kirche nicht zu verändern." In dieser Zeit fanden auch wichtige Personalwechsel statt: Am 13. Dezember 1979 starb der Vorsitzende der Berliner Bischofskonferenz, der Berliner Kardinal Alfred Bengsch. Pilvousek: "Damit ging die als ,Ära Bengsch‘ bezeichnete Epoche in der Geschichte der katholischen Kirche in der DDR zu Ende." Als Nachfolger wurde am 17. Mai 1980 der Erfurter Weihbischof Joachim Meisner eingeführt. In Erfurt gab es noch mehr Veränderungen: Der Apostolische Administrator, Bischof Hugo Aufderbeck, der die Pastoral in der DDR wesentlich prägte, starb am 17. Januar 1981. Sein Nachfolger wurde Joachim Wanke, der bereits Weihbischof in Erfurt war.

Bischofswechsel während der Vorbereitung

Beide Bischofswechsel fallen in die heiße Phase der Vorbereitung des Elisabeth-Jubiläums. Wann genau diese begonnen hatten, lässt sich heute nicht exakt rekonstruieren. Belegt ist, so Pilvousek, dass Bischof Aufderbeck der Berliner Bischofskonferenz im Dezember 1979 von Überlegungen zur Feier des Elisabeth-Jubiläums im Jahr 1981 in Erfurt berichtete. Eine Vorbereitungskommission nahm am 14. März 1980 ihre Arbeit auf. Pilvousek: "Ab diesem Zeitpunkt dürfte klar gewesen sein, dass das Elisabeth-Jubiläum den Rahmen einer normalen Herbstwallfahrt überschreiten würde und alle Bistümer und Jurisdiktionsbezirke eingeladen werden sollten. Das Arbeitsthema für die pastorale Begleitung der Elisabeth-Feierlichkeiten war von der Pastoralkonferenz der DDR vorgeschlagen worden und lautete: ,Den anderen suchen‘." Im März teilte Weihbischof Meisner den Mitgliedern der Bischofskonferenz mit: "Es ist vorgesehen, aus allen Dekanaten in der DDR Vertreter diakonischer Gruppen einzuladen. Die Einladung ausländischer Gäste soll ebenfalls durch den Veranstalter erfolgen. Die Erweiterung des Teilnehmerkreises auf Priester und Laien aus allen Jurisdiktionsbezirken wurde vorgeschlagen und in die Überlegungen einbezogen."

Keine Elisabethstraße für Eisenach

Parallel zu den innerkirchlichen Vorbereitungen fanden Gespräche mit staatlichen Stellen statt. Die erste Nachricht, die Pilvousek in staatlichen Akten fand, stammt aus dem Jahr 1980 und ist besonders interessant: "Der damalige Pfarrer von Eisenach, Dr. Hans-Andreas Egenolf hatte dem Eisenacher Bürgermeister Folgendes geschrieben: ,Im September 1981 wird ... in Erfurt ein größerer Kirchentag stattfinden. In einer Festwoche werden mehrere Zusammenkünfte und Tagungen sein, die besonders die Diakonie, Aufgaben des Dienstes am Menschen heute, zum Thema haben werden. Gerade in der heutigen Welt, wo der Kampf gegen Ausbeutung, Ungerechtigkeit, Hunger und Terror die Menschen guten Willens verbündet, hat die heilige Elisabeth durch ihr Vorbild und ihr Leben eine ganz aktuelle Bedeutung.‘ Egenolf fährt fort, dass es viele Spuren der heiligen Elisabeth in Eisenach gäbe und bittet deshalb eine Straße nach ihr zu benennen. Um seiner Bitte Nachdruck zu verleihen zitierte er das ,Neue Deutschland‘, wo hinsichtlich des 500. Geburtstages Martin Luthers 1983 formuliert worden war: ,Unser Staat pflegt das Erbe aller, die zur Weltkultur Großes beitrugen.‘ Diese Aussage muss wohl auch für die heilige Elisabeth von Thüringen in Anspruch genommen werden.‘" Trotz dieser Argumente – zu einer entsprechenden Straßenbenennung kam es nicht.

Welche Kleinarbeit bei der Vorbereitung der Feier mit den staatlichen Stellen nötig war, zeigt eine Aktennotiz von Mitgliedern der kirchlichen Vorbereitungsgruppe über ein Gespräch mit dem Rat der Stadt Erfurt: "Auf der Severiwiese werden 15 Versorgungsstände und eine Bratstrecke (Bratwürste/ Broiler) aufgebaut. Bohnenkaffee kann nicht gereicht werden, eventuell aber Tee ... Abteilung Handel und Versorgung stellt sich auf die Verpflegung von 30 000 Wallfahrern ein. Von Seiten des Bischöflichen Amtes möchte dafür Sorge getragen werden, dass die Wallfahrer dieses Angebot auch nutzen (eventuell Hinweisschilder) ... Für den Priestertag kann uns die Zentralgaststätte IGA nicht zur Verfügung gestellt werden, da auf Beschluss des Politbüros Schulungsteilnehmer (Gewächshauswirtschaft, Landwirtschaftsjugend) verpflegt werden müssen. Nach einem längeren Disput einigte man sich denn auf das Gildehaus. Dort könnte das Mittagessen in zwei Durchgängen gereicht werden (13 und 14 Uhr) ... Die Gaststätten Domplatz, Gildehaus, Ratskeller und Hohe Lilie werden angewiesen, sich auf die Versorgung der Wallfahrer einzustellen. Die Herstellung der Verpflegungsbeutel wurde uns zugesichert. Vom Bischöflichen Amt muss ... ein Vertrag mit dem beauftragten Betrieb abgeschlossen werden. Der Preis der Beutel wird etwa fünf Mark sein. Schwierig schien die Beschaffung von Plastiktrinkbechern..."

Im Frühjahr 1981 stand das endgültige Programm fest: Es sah unter anderem jeweils eigene Tage für kirchliche Mitarbeiter, Ordensfrauen, Priester und im diakonischen Dienst in den Gemeinden Engagierte vor. Den Abschluss bildete am Sonntag der Jubiläumstag mit großer Wallfahrt.

Der Aufwand der Vorbereitung hat sich gelohnt. Pilvousek: "Festwoche und Wallfahrtstag wurden zu einer großen Glaubensfeier der katholischen Kirche in der DDR, zu einem ,Katholikentreffen‘. Auch als ,Große Feier einer kleinen Herde‘ bezeichnet, übertrafen sie die Erwartungen der Veranstalter und Teilnehmer: ,Es gelang, die Menschen froh zu machen‚ resümierte der damalige Seelsorgeamtleiter Walter Hentrich." Nicht nur die großen Teilnehmerzahlen – 65 000 sollen es am Wallfahrtssonntag gewesen sein – beeindruckten. Durch die vielen ausländischen Gäste wie die Kardinäle Franz König (Wien), Franciszek Macharski (Krakau) und László Lekai (Ungarn), Kirchenvertretern aus Brasilien, Ungarn, Polen, der Tschechoslowakei und den deutschen Bischöfen Paul Scheele (Würzburg) und Eduard Schick (Fulda) sowie allen Bischöfen aus der DDR wurde die Zugehörigkeit der Ortskirche zur Gesamtkirche greifbar. Pilvousek: "Für die Gläubigen war dies ein sichtbares, ermutigendes Zeichen angesichts einer doppelten Diaspora."

Besonders deutlich wurde das noch einmal bei den unter Beifall verlesenen Grüßen des Papstes und der Antwort an ihn, in der es hieß: "Wir versichern Ihnen unsere Standhaftigkeit im Glauben an Christus den Herrn und unsere Treue zu Ihnen als dem sichtbaren Oberhaupt der Kirche."


Informationen

Ein Beitrag von Josef Pilvousek zum Thema erscheint in "Theologie der Gegenwart". Infos im Internet: www.uni-erfurt.de/theologie-der-gegenwart/

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 10 des 57. Jahrgangs (im Jahr 2007).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Samstag, 10.03.2007

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