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3. Eucharistie und Abendmahl

Was eint und was trennt katholische und evangelische Kirche?

Bischof Gerhard Feige Wirkliche Gegenwart (Bischof Gerhard Feige über das katholische Eucharistieverständnis): Aus katholischer Sicht ist die Eucharistie oder Heilige Messe Quelle, Herzmitte und Höhepunkt des ganzen christlichen Lebens. Darum wird sie in der Regel seit frühkirchlicher Zeit mindestens an jedem Sonntag, bald auch schon häufiger, vielerorts sogar täglich gefeiert. Sie erinnert nicht nur an das letzte Abendmahl Jesu; in ihr werden -so glauben wir -der gekreuzigte und auferstandene Herr und sein Heilswerk wirklich gegenwärtig. Seinem einzigartigen Opfer wird dabei aber nichts hinzugefügt oder dieses vervielfältigt. Auf sakramentale Weise bietet Christus sich im Rahmen dieser Mahlfeier in den Gestalten von Brot und Wein als geistliche Nahrung an. Wer darauf in rechter Weise vorbereitet ist und gläubig kommuniziert, empfängt nicht irgend-
etwas, sondern ihn selbst. Bei manchen Anlässen wird inzwischen -was seit der Reformation als typisch evangelisch galt -allen auch wieder der Kelch gereicht. Mit den von der Kommunion übrig bleibenden Elementen geht man sorgsam um, bewahrt die Hostien als "Allerheiligstes" im Tabernakel auf und verehrt sie auch weiterhin. Entgegen der evangelischerseits -aber auch erst seit 1973 -praktizierten "eucharistischen Gastfreundschaft" oder "offenen Kommunion" gilt für Katholiken und Orthodoxe nach wie vor der schon seit neutestamentlicher Zeit durchgängig beachtete Grundsatz: Kirchen- und Eucharistiegemeinschaft sind voneinander abhängig und bedingen sich gegenseitig. Bis auf wenige Ausnahmen in einzelnen Notfällen kann an der Kommunion -auch wenn dies heutzutage von manchen als schmerzlich empfunden wird -nur teilnehmen, wer denselben Glauben teilt und voll dazugehört. Sie stellt den höchsten Ausdruck der Einheit dar und erneuert diese immer wieder. In ihr geht es also nicht nur um einen sehr persönlichen Kontakt mit Christus, sondern um das Geheimnis der Kirche schlechthin. Durch den Empfang seines Leibes werden wir selbst noch intensiver, was wir sind: sein Leib. Aufgrund dieser Zusammenhänge haben auch nur in der apostolischen Amtsfolge stehende Bischöfe und Priester die Vollmacht, Eucharistiefeiern zu leiten.
Insgesamt sind die seit dem 16. Jahrhundert als kirchentrennend angesehenen konfessionellen Differenzen im Eucharistieverständnis und in der jeweiligen Praxis durch den ökumenischen Dialog sowie einige Reformen wesentlich entschärft worden. Die noch ungelösten katholisch-evangelischen Hauptprobleme betreffen vor allem das Kirchenverständnis. Ihnen gilt es sich redlich und engagiert zu stellen.

Gedächtnis und Danksagung (Landesbischof Christoph Kähler über das Abendmahl aus evangelischer Sicht): Vor 50 Jahren fragten sich evangelische Gottesdienstbesucher häufig: "Bleiben wir noch zum Abendmahl oder gehen wir gleich?" Im Altarraum traf sich dann eine kleine Gruppe von älteren Menschen. Eine einladende Gemeinschaft war das für Jugendliche eher nicht. -Heute höre ich von ganz anderen Problemen. So klagen Eltern, dass ihre Kinder in der eigenen Gemeinde noch nicht zum Abendmahl zugelassen werden. Sie freuen sich aber, wenn sie in anderen Gemeinden Brot und Wein empfangen dürfen. -Beide Erlebnisse zeigen, wie sich in den letzten 50 Jahren die Abendmahlsfrömmigkeit und der Umgang mit diesem Sakrament in der evangelischen Kirche gewandelt hat. Übrigens sehe ich ähnliche Entwicklungen auch in der katholischen Kirche, die im vergangenen Jahrhundert eine sehr wichtige Liturgiereform durchgeführt hat. Wir können das an den Altären sehen, die jetzt in die Mitte der Gemeinde gerückt worden sind und schon durch die Architektur zeigen: Die Eucharistie, wie dort das Abendmahl heißt, bildet die Mitte der Gemeinde.
Die evangelischen Kirchen sind sich mit der katholischen Kirche auch im Verständnis des Abendmahls inzwischen einiger als viele wissen. Das war einmal anders: Nach einer verbreiteten mittelalterlichen Abendmahls-Vorstellung wiederholte jede Eucharistie das Opfer Jesu Christi in unblutiger Weise. Das widerspricht dem biblischen Zeugnis. Daher wurde diese Auffassung von Martin Luther und anderen Reformatoren zu Recht kritisiert. Doch das ist Geschichte. Denn auch in der katholischen Kirche wird das Abendmahl längst als Bekenntnis- und Gedächtnismahl beziehungsweise als Danksagung ("Eucharistie") in der versammelten Gemeinde gefeiert, also nicht mehr als Winkelmesse von einem Priester allein.
Allerdings gab es auch einen jahrhundertelangen Streit zwischen den reformierten und den lutherischen Kirchen, ob und wie Jesus Christus im Abendmahl gegenwärtig ist. Dazu ist im 20. Jahrhundert eine breite Übereinstimmung gewachsen: Wesentlich ist nicht die Frage, wie in Brot und Wein der Leib und das Blut Jesu Christi beim Abendmahl gegenwärtig ist, sondern dass die Person Jesu Christi und das Christusgeschehen durch das gemeinsame Essen (in, mit und unter Brot und Wein) vergegenwärtig werden. 1973 gab es zwischen Lutheranern und Reformierten eine Einigung in der "Leuenberger Konkordie". Dort heißt es: "Im Abendmahl schenkt sich der auferstandene Jesus Christus in seinem für alle dahingegebenen Leib und Blut durch sein verheißendes Wort mit Brot und Wein. Er gewährt uns dadurch Vergebung der Sünden und befreit uns zu einem neuen Leben aus Glauben. Er lässt uns neu erfahren, dass wir Glieder an seinem Leibe sind."
Was bleibt an Unterschieden zur katholischen Kirche? Vor allem ein Punkt: eine gültige Eucharistiefeier darf nur von einem durch einen katholischen Bischof geweihten Priester geleitet werden. Darum sollen katholische Christen nicht am evangelischen Abendmahl teilnehmen. Wir dagegen glauben, dass Christus einlädt und wir darum keine getauften und zum Abendmahl in ihrer Kirche zugelassenen Christen ausschließen dürfen. Schlimm ist diese Situation vor allem für katholisch-evangelische Ehepaare, die am Abendmahlstisch getrennt werden. Wird es hier neue Regelungen geben?
Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 0 des 57. Jahrgangs (im Jahr 2007).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Donnerstag, 01.03.2007

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