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5. Die Heiligen

Heilige in der katholischen und in der evangelischen Kirche

Bischof Gerhard Feige Überdeutliche Beispiele (Bischof Gerhard Feige über das Heiligenverständnis der katholischen Kirche): Am Allerheiligenfest beginnt ein liturgisches Gebet: "Gott, du allein bist heilig, dich ehren wir, wenn wir der Heiligen gedenken." Deutlich klingt hier an, dass der Begriff "heilig" gemäß biblischem Zeugnis unterschiedlich gebraucht wird. Während Heiligkeit bei Gott eine originäre Wesensbestimmung ist, kann diese einem Menschen nur sekundär und gnadenhaft zuteil werden. Dabei sind alle Gläubigen zur "Gemeinschaft der Heiligen", wie sie im Apostolischen Glaubensbekenntnis bekannt wird, gerufen, das heißt sich durch Gottes Wort und die Sakramente heiligen zu lassen.
Besonders werden im katholischen Sprachgebrauch jedoch jene Frauen und Männer als Heilige bezeichnet, die den christlichen Glauben in außerordentlicher und vorbildhafter Weise durch Taten der Gottes- und Nächstenliebe verwirklicht haben und bereits -nach unserer Überzeugung -bei Gott vollendet sind. Sie sind überdeutliche Beispiele dafür, wie Gott auf die spezifischen Nöte jeder Zeit geantwortet hat und Menschen bereit waren, seine Gnade durch ihre Gebrechlichkeit hindurch leuchten zu lassen. Anfangs ist vielen nach ihrem Tod dieser Titel ganz einfach durch eine andauernde Verehrung zugewachsen; später kamen kirchenrechtliche Verfahren auf, die nach kritischer Prüfung zu offiziellen Heiligsprechungen führen können. Im Pontifikat von Johannes Paul II. ist dies sehr häufig geschehen.
Nach einer solchen Kanonisation gilt jemand als besonders verehrungswürdiges Vorbild für die ganze Kirche und als empfehlenswerter Fürsprecher. Verehrung bedeutet nicht Anbetung; jene kommt allein Gott zu. Und wenn Heilige -zum Beispiel in einer Litanei -angerufen werden, heißt es auch nicht: "Erbarme dich unser" oder "Wir bitten dich, erhöre uns", sondern: "Bitte für uns!" Fürsprache meint also, unsere Anliegen solidarisch mit zu unterstützen. So beten wir auch: "Herr, unser Gott. Wir glauben, dass deine Heiligen bei dir leben und dass Leid und Tod sie nicht mehr berühren. Erhöre ihr Gebet und lass uns erfahren, dass sie uns nahe bleiben und für uns eintreten."
Insgesamt ist für die Katholische Kirche eine so verstandene Heiligenverehrung sinnvoll und wichtig, für die einzelnen Christen jedoch weder verpflichtend noch heilsnotwendig. Faktisch gestaltet sie sich darum heute in der individuellen und regionalen Frömmigkeit auch recht unterschiedlich.

Evangelische Heiligenverehrung? (Landesbischof Christoph Kähler über Heilige in der evangelischen Kirche): "Heilige? -Die sind doch katholisch!" So kann man es häufig in der evangelischen Kirche hören und damit ist die Debatte oft schon beendet. Doch ganz so einfach ist es nicht. Schon der Blick in das Neue Testament belehrt uns eines Besseren. Paulus schreibt an die christliche Gemeinde von Korinth und "an alle Heiligen in Griechenland", zu denen natürlich auch die Korinther gehören. Diese ganz "besonderen Heiligen" konnten ziemlich heftigen Streit unterei-nander und mit Paulus haben. Das kann bis heute jeder im ersten und zweite Brief an die Korinther nachlesen. Heilig waren und sind Menschen zunächst nur, weil der heilige Gott sie als seine Kinder annimmt und anerkennt. In diesem weiten Sinn sind alle heilig, die an Jesus Christus glauben und durch ihn zu Gott finden.
Auch im engeren Sinn kennen evangelische Christen durchaus Heilige, etwa den Pfarrer Paul Schneider. Er blieb seinen Gemeinden, seinen Freunden und seinen Mithäftlingen im Konzen-trationslager Buchenwald in Erinnerung wegen seines unbeugsamen Mutes und seiner unbeirrbaren Wahrheitsliebe. Ähnlich "heilig" war und ist vielen unter uns Dietrich Bonhoeffer, der sein tiefgreifendes theologisches Nachdenken mit dem Kampf gegen die Nazis verband. So bezeugte er mit seinem Leben wie mit seinem Tod seine christliche Überzeugung. An solche Christen erinnern Biographien und die Namen von Kirchen, Häusern oder Gemeinden. Im Unterricht oder in der Predigt wird von ihnen als Zeugen des Glaubens erzählt. Sie trösten und ermutigen uns als Beispiele für ein christliches Leben. Das können durchaus auch ältere Heilige wie Elisabeth von Thüringen oder der Kirchenreformer Bonifatius sein.
Das entspricht dem, was die Reformatoren gegen einen ausufernden Heiligenkult in der damaligen katholischen Kirche positiv festgehalten haben: "Vom Heiligendienst wird von den Unseren so gelehrt, dass man der Heiligen gedenken soll, damit wir unseren Glauben stärken, wenn wir sehen, wie ihnen Gnade widerfahren und auch wie ihnen durch den Glauben geholfen worden ist; außerdem soll man sich an ihren guten Werken ein Beispiel nehmen, ein jeder in seinem Beruf" (Augsburgisches Bekenntnis , Artikel 21).
Allerdings unterscheiden uns von katholischen Christen zwei wesentliche Punkte: Zum einen kennen wir keine förmliche Anerkennung von Heiligen durch eine Instanz wie den Papst oder einen orthodoxen Patriarchen. Dass Paul Schneider und Dietrich Bonhoeffer durch ihren Tod besondere Glaubenszeugen geworden sind, ist eine weitverbreitete und gut begründete Überzeugung. Sie kann aber durch eine Synode oder einen Bischof nicht angeordnet werden. Zum anderen rufen und sprechen wir die Heiligen nicht im Gebet an. Denn wir wollen uns an Jesus halten, den einzigen Versöhner und Mittler zwischen Gott und den Menschen (1Tim 2,5).
Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 0 des 57. Jahrgangs (im Jahr 2007).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Donnerstag, 01.03.2007

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