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Anstoß

Darf man wünschen?

Oder: Von der Kraft der Wünsche

Susanne Schneider

Von Peter Handke gibt es ein Buch mit dem Titel "Wunschloses Unglück". Handke verarbeitet darin den Freitod seiner Mutter. Als Kind wurde ihr verboten, ihre Meinung zu sagen. Als Jugendliche durfte sie nicht ihren Traumberuf erlernen. Als Erwachsene erfüllte sie die Wünsche des Ehemannes und der Kinder. So hatte sie sich im Laufe ihres Lebens ihre eigenen Träume abgewöhnt. Sie hatte gelernt, dass sie funktionieren müsse und dass sie keine Wünsche und Ansprüche an das Leben stellen dürfe.

Diese Erfahrung trifft Frauen und Männer, doch es ist sicherlich kein Zufall, dass die Hauptperson des Romans von Peter Handke eine Frau war. Viele Seelsorger und beratende Menschen sagen, dass sie dieses Phänomen bei Frauen in viel größerem Maße finden als bei Männern: Man gewöhnt sich das Wünschen ab und funktioniert nur noch.

Nun kann man einwenden, dass das ein Problem vergangener Zeiten gewesen sei und dass die heutigen Frauen emanzipiert wären. Das stimmt vielleicht für viele, aber längst nicht für alle. Immer noch wird von Mädchen und Frauen selbstverständlich verlangt, dass sie eigene Wünsche und Sehnsüchte zugunsten anderer Ziele zurückstellen.

Die Strategie, keine Wünsche zu haben, weil sie ja doch nicht erfüllt werden, hilft, mit Enttäuschungen und mit Absagen umzugehen. Wenn ich nichts erwarte, kann ich nicht enttäuscht werden. Viele Bewerbungen oder Anträge werden nur halbherzig verfasst, um den Schmerz über eine mögliche Ablehnung klein zu halten. Aber ein solches Leben ist doch traurig und bringt weder kurzfristig noch langfristig Erfüllung!

In vielen Weisheitsgeschichten und im Märchen hat das Wünschen eine große Kraft. Auch die Bibel ist voll von Geschichten, in denen Gott die Wünsche der Menschen erfüllt: Hanna wünscht sich ein Kind. Ihre Rivalin Peninna hat Kinder. Peninna fühlt sich deswegen überlegen und kränkt Hanna und macht sie fertig. Hanna ist so traurig und enttäuscht, dass sie weint und nichts mehr essen kann. Doch sie gibt ihren Wunsch nicht auf! Statt dessen betet sie zu Gott und dieser hört ihr zu und schenkt ihr einen Sohn (1. Sam 1).

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 7 des 57. Jahrgangs (im Jahr 2007).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Donnerstag, 15.02.2007

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